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                 Matthias Corvin

Schreiben über Musik

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"Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann
...und worüber es unmöglich ist zu schweigen."
(Victor Hugo)

Kritiken

Kölner Philharmonie, 10.6.2011
Alfred Brendel, „Schule des Hörens“ II
Einsam sitzt er an seinem Flügel. Ein Klavierschemel, ein Notenständer, auf dem Tisch ein Glas Wasser. Das reicht dem Pianisten Alfred Brendel auch im zweiten Teil seiner „Schule des Hörens“ in der Philharmonie. Die Karriere als Pianist hat er vor gut zwei Jahren beendet. Dennoch kehrt er als Vortragender aufs Podium zurück und spielt dabei Ausschnitte aus klassischen Werken. Jetzt hielt er einen gut einstündigen Vortrag über „Charakter in der Musik“.
Etwas old-fashioned wirkt er schon, der immer etwas schrullige Pianist aus Österreich. Wie ein Dichter liest er aus seinem Manuskript. Viel hat er in den letzten Jahrzehnten geschrieben, auch Lyrik. Brendel kennt sich aus mit Rhetorik und setzt auch den einen oder anderen Lacher. Dennoch überwiegt der ernste Tonfall. Die junge Pianistengeneration will nur „entdecken“, dabei solle sie auch „verstehen lernen“, sagt er fast mit erhobenem Zeigefinger. Anfang des Jahres ist er selbst 80 geworden.
Er zitiert aus vielen Quellen. Sie stammen etwa vom Schriftsteller Christian Gottfried Körner oder vom Komponisten Daniel Gottlob Türk. Sie definierten um 1800 den Begriff Charakter. Daher liegt der Bezug zu Beethovens zeitgleichen Klaviersonaten auf der Hand, denen bereits der Schüler Carl Czerny verschiedene Charaktere zuwies. Als Klangbeispiele dienen Brendel etwa die „Sturmsonate“ oder die „Hammerklaviersonate“. Er spricht vom „sprechenden Largo“ in der Klaviersonate op. 7 oder deutet die Sonate op. 90 als „Kampf zwischen Kopf und Herz“.
Seine Aussagen verdeutlicht er immer wieder am Detail. So erklärt er den pochenden Beginn der „Waldsteinsonate“ als „mysteriöses Pianissimo“, erblickt in dem gesamten Werk ein Spiel mit Hoch und Tief. Vor seinen Augen entsteht ein Gebirge in dessen Tälern getanzt wird. Diese Naturstimmung verleitete bereits die Franzosen zum Beinamen „L’Aurora“ (die Morgenröte). Ein deutscher Werkführer machte daraus irrtümlich „Horror“. Das „Zähneklappern“ demonstrierte Brendel daraufhin schmunzelnd an einer Tremolo-Stelle. Musik ist eben doch zutiefst mehrdeutig.
Brendels Aussage: Musik erschöpft sich nicht aus motivischen Zusammenhängen, der Charakter nicht nur aus dem Tempo. Mit seinen oft blumigen Beschreibungen oder der Zuordnung von Beethovens Satzcharakteren zu den vier Elementen will er die Fantasie anregen. Struktur sei wichtig, doch das Wesentliche der Kunst verbirgt sich dahinter. Dabei kann er sich sogar auf den so streng komponierenden Arnold Schönberg berufen, der seinen Schülern empfahl in jedem Stück einen Charakter zu verstecken.
Kölner Philharmonie, 11.2.2011
Vinicio Capossela
Als „The Köln Concert“ kündigte der italienische Liedermacher Vinicio Capossela sein Philharmonie-Debüt im Internet an. Da passte es, dass er gleich zu Beginn Keith Jarretts Klassiker von 1975 am Klavier zitierte. Anschließend grummelte er „Herzlich willkommen zu meinem persönlichen Konzert“ ins Mikro und los legte die siebenköpfige Band. Bekannt ist er in Deutschland ja nicht, dieser schrullige Musiker aus Italien, wo er in den 1990er Jahren populär wurde. „The Story-Faced Man“ heißt sein aktuelles Best-of-Album.
Seine Konzerte sind kleine Shows. Für jeden Song setzt er sich einen neuen Hut auf den Kopf, wechselt seine Kostüme im Flug. Seine Musiker sehen aus wie eine verstaubte Zirkuskapelle mit Sousaphon, Saxofon, Gitarre, Schlagzeug und gezupftem Kontrabass. Mainstream ist das jedenfalls nicht, auch wenn Capossela auch mal über die Liebe singt. Seine raue Stimme mag an Tom Waits oder seinen Landsmann Paolo Conte erinnern. Er mixt italienische Canzonen mit einer Prise Jazz, Latin, Marschmusik und viel Experimentierfreude. Sideman Vincenzo Vasi wuselt sich durch ein Arsenal an Samplern, Stabspielen und dem elektronischen Theremin, das per Handbewegung bedient wird. Dieser Typ komme aus einer anderen Galaxie, meint Capossela am Ende des Abends. Wohl wahr.
Er selbst wechselt ebenso rasant zwischen Flügel, bunt erleuchteter Zirkusorgel, rotem Miniklavier und Gitarre. Capossela ist ein Sprachkünstler, dessen Texte vor Querverweisen zur Literatur, Malerei oder zum Film strotzen. Mitunter weiß man nicht so recht, ob er sich und alles um sich herum ernst nimmt. Ironisch besingt er das „Aqua di Colonia“, streut Hits wie das lässige „Che cos’ è L’amore“ ein. Mit Hirschgeweih zelebriert er sein archaisches „Brucio Troia“. Das so ruhig begonnene Non-Stop-Konzert gipfelt nach knapp zwei Stunden im bissigen Marsch „Uomo vivo (inno alla gioa)“. Da hielt es auch die leider zu wenigen, meist italienischen Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen. Viva Italia!
Kölner Philharmonie, 14.1.2011
WDR Sinfonieorchester/Jukka-Pekka Saraste, Arabella Steinbacher
Der Konzerttitel „Überschwang der Gefühle“ passte vor allem zu Arnold Schönbergs „Pelléas und Mélisande“. Das WDR Sinfonieorchester unter Jukka-Pekka Saraste musizierte die Tondichtung mit eruptiver Kraft. Höhepunkte wurden klar und mit apokalyptischem Schlagwerk und Blech herausgemeißelt, es herrschte ein schwerer, dunkler Klang. Die von Kummer und Wahnsinn durchtränkte Liebesgeschichte des Belgiers Maurice Maeterlinck inspirierte Schönberg zu diesem mächtigen Orchesterwerk, in dem die Spätromantik kulminiert. Richard Strauss und Gustav Mahler sind da nicht weit. Aber auch die Chromatik und Leitmotivik Richard Wagners hinterließen bleibende Spuren.
Vielleicht mag das Wienerische bei Sarastes packender Darbietung etwas unter den Tisch gefallen sein. Dieser Schönberg war eher saftig und kraftvoll, überzeugte durch schöne Einzelleistungen aus den Orchesterreihen. Solche Lichtblicke gab es auch in Johannes Brahms’ Violinkonzert, wunderbar das Oboensolo von Manuel Bilz im Adagio. Ansonsten legte der WDR-Chef den gewichtigen Orchesterpart breit-sinfonisch an, kam im Kopfsatz so auf 27 Minuten. Zwar achtete er auf eine gute Balance und arbeitete Details heraus, spannungsreich und überschwänglich wirkte die Musik aber kaum. Immerhin konnte der schöne, blühende Streicherklang überzeugen.
Solistin Arabella Steinbacher nahm es gelassen. Die Münchnerin spielte das Meisterwerk nicht nur lupenrein und mit fabelhafter Technik, sondern erfüllte auch viele leise Stellen mit großer Lyrik. Da wurde genau und überlegt phrasiert, die große Kadenz bis hin zu den notierten Ritardandi lebendig entfaltet. Ihre Kontrolle und Musikalität sind jedenfalls staunenswert und „besser als David“ Garrett – wie eine Dame im begeisterten Publikum hellhörig bemerkte. Dieser hatte sich vor einigen Monaten lässig durch Mendelssohns Violinkonzert gegeigt. Nun denn, als Zugabe gab Steinbacher Fritz Kreislers „Rezitativ und Scherzo-Caprice“. Anschließend signierte sie unter anderem ihre mit dem „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnete WDR-Einspielung der Violinkonzerte Beethovens und Bergs.
Kölner Philharmonie, 24.4.2010
Kiri Te Kanawa
Sie kann es noch immer und reißt das Publikum zu Beifallsstürmen. Mit der Feldmarschallin in Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ verabschiedet sich die 66-jährige Neuseeländerin Kiri Te Kanawa derzeit in Köln von der Opernbühne. In der Domstadt hat sie seit den 1970er Jahren regelmäßig gastiert. Als Dank dafür bot sie einen zusätzlichen Liederabend mit delikatem Programm und manchen Überraschungen. Eine davon war allerdings nicht beabsichtigt. Für das Handygeklingel in Strauss’ zartem Gesang „Morgen“ op. 27 Nr. 4 hätte sie den Schuldigen killen können. Das und viel Nettes verriet die zur „Dame Commander of British Empire“ geadelte Sopranistin in ihren charmanten Moderationen. Sie ist eine echte Dame mit eleganter Ausstrahlung und viel Ironie. Das war übrigens nicht immer so. Am Anfang ihrer Karriere soll die hübsche Sängerin ausgesprochen schüchtern gewesen sein. Ihr Selbstbewusstsein stieg allerdings, als Colin Davis sie 1971 in Covent Garden als Gräfin in Mozarts „Figaro“ vorstellte und die Presse jubelte.
Vielleicht passte dieser Liederabend in der Kölner Oper so gut zu Te Kanawa, da sie nie zur Diva wurde. Auch wenn sie heute in opulenten Gewändern auf die Bühne kommt, wirkt sie natürlich, fast schon bescheiden – trotz ihrer fulminanten Karriere. Auch ihre Stimme behielt im Alter eine große Natürlichkeit. Nach wie vor leuchtet ihr Ton, gibt den acht gewählten Strauss-Liedern (darunter „Ständchen“ op. 17/2 und „Cäcilie“ op. 27/2) eine Aura. Das Vibrato hält sie unter Kontrolle, bindet Phrasen vorbildlich aneinander, wechselt schön durch die Register. Ihr Gesang ist allerdings weniger wortverständlich als bei ausgesprochenen Liedinterpreten. Te Kanawa neigt dazu, den Text ganz in Musik aufzulösen. Es bleibt die pure Schönheit der Melodielinie.
Etwas spielerischer ging sie die Lieder des Franzosen Joseph Canteloube an. Wundervoll sang sie „La rosa y el sauce“ des Argentiniers Carlos Gustavino und tänzelte in Alberto Ginasteras „Cancion al arbol del olvido“ zum Tangorhythmus. Julian Reynolds am Flügel setzte auf eine leise und fein ausgearbeitete Begleitung. Hatte der Abend mit galantem Mozart begonnen, endete er mit gefühlvollem Puccini. Ein Kleinod war das frühe Lied „Sole e amore (1888), in der Oper „La Bohème“ wiederverwertet. Te Kawawa bot selbstverständlich noch etliche Zugaben, darunter Puccinis Bestseller „O mio babbino caro“. Mit stehenden Ovationen endete dieser außergewöhnliche Abend, der ebenso glücklich wie wehmütig machte. Nicht nur Köln wird die Opernsängerin vermissen.
Kölner Philharmonie, 10.4.2010
Nigel Kennedy
„My name ist Nigel and I’m doing very well.“ Mit diesen Worten begann die fast dreistündige One-Man-Show des britischen Star-Geigers Nigel Kennedy. Zuvor hatte er seine Band vorgestellt und sich nach deren Befinden erkundigt. Ein kurzweiliger Abend in der Philharmonie, mit zahlreichen Slapstickeinlagen des geborenen Entertainers. „Bach meets Ellington“ ist sein neues Programm überschrieben. Den Zuhörer erwartet allerdings weder ein Klassikabend noch ein Jazzkonzert. Dieses Happening ist irgendetwas dazwischen. In sanfte Farben getönt gibt sich das Podium. Darauf nimmt – aufgeteilt in vier Blöcke – das erst 2009 in seiner Wahlheimat Polen gegründete „Orchestra of Live teil“. Daher gab es eine Trauerminute für den verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski.
Zwischen das Orchester platziert Kennedy sein Jazzquintett, zu dem Stabspieler Orphy Robinson und Gittarist Doug Boyle gehören. Das ist schon mal eine eigenwillige Aufstellung und erinnert an ein modern interpretiertes Barockensemble. In zwei Sätzen aus Bachs Violinkonzert E-Dur mischten ein dezentes Schlagzeug und Marimbaphon mit. Sicher eine kuriose, aber doch stimmige Fusion. Auch die leicht elektronisch verstärkten Orchestergeigen fügten sich gut ins Gesamtbild. Flott und straight spielt der Violinist mit markanter Punkfrisur Bachs Musik. Später lässt er sich sogar auf einen intimen Dialog mit der Solo-Cellistin Beata Urbanek-Kalinowska ein. Die drei zweistimmigen Inventionen (1, 6 und 8) hinterließen einen etwas feineren Eindruck. Keine Frage, Kennedy ist ein bunter Vogel, aber er kann eben auch schön Geige spielen – wenn er will.
Etwas zu laut aufgedreht war an diesem Abend allerdings seine E-Geige. In den jazzigen Stücken Duke Ellingtons deckte Kennedy mit seiner verzerrten Wunderwaffe die famosen Mitmusiker ziemlich zu. Da war schade. Ellington ist ja kein rockiger Jimi Hendrix. Arrangiert waren auch die Jazzstücke mit Orchesterbegleitung. Klassiker wie „In a Jam“, „Prelude to a Kiss“, Diminuendo and Crescendo“ oder „Cotton Tail“ fanden sich im Programm. Für das Stück „Dust“ holte er sich den Solo-Oboisten Mariusz Pedzialek nach vorne, für ein eigenes Stück zwei „amazing“ Orchestergeigerinnen. Mitunter driftete das Ganze sogar in fast Trance-ähnliche Klangwelten. In Jazzkreisen gilt Kennedy bekanntlich als ebensolcher Exot wie in der Klassikszene. Seine Improvisationen enden oft im Leerlauf. Auf kleinen ostinaten Spielfiguren beißt er sich förmlich fest und entwickelt daraus rasante Steigerungen. Sei’s drum. Dieser Abend war auf jeden Fall eine großartige Unterhaltung. Kennedys unkorrekte Äußerungen im rüden Straßenslang trieben dem Publikum die Tränen in die Augen. Er schießt nicht nur regelmäßig Fußbälle in die Sitzreihen, sondern lässt nun auch die Pausenlänge per Hand abstimmen. Was sei denn in Köln üblich? 10, 15, 20, 21 Minuten? Schließlich einigte man sich auf schräge 21,5. Er ist eben ein Unikat.
Kölner Philharmonie, 13.3.2010
Pierre Boulez zum 85.
In knapp zwei Wochen feiert Pierre Boulez seinen 85. Geburtstag. Die Philharmonie nahm dies zum Anlass, den epochalen Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts mit einem Konzert zu ehren. Selbstverständlich übernahm Boulez die Leitung an der Spitze seines 1976 gegründeten Ensemble intercontemporain persönlich. Mit festem Schritt, aber Bescheiden im Auftreten eilte der Franzose zum Pult. Nach den Stücken bedankte er sich knapp und verschwand ebenso geschwind hinter die Bühne. Große Gesten sind nicht seine Sache, auch nicht beim Dirigieren. Eher zeigt er mit sparsamen Gesten, wohin der Weg geht.
Boulez’ Stücke sind perfekt durchkonstruiert. Erst nach einem Mathematikstudium kam er ja zur Musik. Dem seriellen Geist der Nachkriegsjahre kam dieser Ansatz entgegen. Fern von jeglicher Emotion wurde die Kunst zum objektiven, genau errechneten Spiel von Einzeltönen samt ihrer Ordnung in Reihen. Später kam der Computer als Hilfe dazu. Boulez’ „Dérive 2“ bot einen guten Einblick, was damit gemeint ist. Die elf Instrumente kreieren aus einer Keimzelle ein filigranes Mosaik, in dem jedes Steinchen seinen Platz hat. Auch wenn die Charaktere zwischen agilen Stabspielern und lyrischen Streichtrio-Episoden weit gespannt sind, herrscht eine halbe Stunde lang ein unaufgeregtes Mezzoforte. Hervorragend und mit dieser Musik erstaunlich verwachsen agierte das Ensemble intercontemporain. Es bildete jede kleine Nuance dieses aparten Meisterwerks akustisch lupenrein ab. Wie mit dem Silberstift gezeichnet wurden kleine Höhepunkte gesetzt, etwa der Abstieg ins tiefe Register kurz vor Schluss. Die Partien der Musiker fügten sich wie Zahnräder ineinander.
Den restlichen Werken des Abends gaben die BBC Singers zusätzliche Farbwerte. In „Cummings ist der Dichter“ für 16 Solostimmen und Instrumente erweitert Boulez seine Kompositionstechnik auf die Vokalisten. Vereinzelte Silben werden von den Sängerinnen und Sängern wie Spielbälle zugeworfen und mit dem Instrumentalensemble verknüpft. Ein Wunder wie das britische Ensemble dabei die Übersicht behielt. Der helle Charakter dieser Komposition passte übrigens sehr schön zu den eingangs gesungenen vier Chorgesängen op. 27 (1925) von Arnold Schönberg. Die aparte Instrumentalbegleitung mit Mandoline, Klarinette, Violine und Cello weist bereits auf Boulez. Etwas wilder und schriller ging es im letzten Werk her, Harrison Birtwistles „…agm…“, 1979 vom Ensemble intercontemporain beauftragt. Warmherziger Applaus, im Publikum zahlreiches Fachpersonal.
Kölner Philharmonie, 12.3.2010
City of Birmingham Symphony Orchestra/Andris Nelsons
Der junge Lette Andris Nelsons gilt als Shootingstar der Dirigentenzunft. Er packt das Publikum mit purer Emotion, formt den Orchesterklang mit plakativen Gesten. Seine gesamte Körperkraft spornt die Musiker an, mitunter wirkt das schon Furcht einflößend. Seit 2008 steht er an der Spitze des berühmten City of Birmingham Symphony Orchestra, das Simon Rattle einst zu großer Form trainierte. Ihm folgte der furiose Sakari Oramo. Beim Philharmonie-Konzert konnte man sich wieder einmal von einem seit Jahren hervorragend aufspielenden Klangkörper überzeugen.
Zu Strawinkys „Feuervogel“ passte Nelsons druckvolles Dirigat ausgezeichnet. Da flimmerte und surrte es kräftig aus den Holzbläserreihen, da verströmten die Geigen ihren großen Atem, punkteten die Blechbläser und das Schlagwerk mit knackigen Akzenten. Auch heute noch ist dies eine der furiosesten Partituren der gesamten Musikgeschichte. Mitreißend und kühn wie am ersten Tag wurde das Werk von den Gästen aus England generalüberholt, getunt und neu lackiert. Hingegen gab der hyperaktive Nelsons beim eingangs gespielten „Meistersinger“-Vorspiel doch zu viel Druck auf die Kessel. So brachial und deftig interpretiert klingt diese Musik doch sehr deutsch-gewaltig, wo doch gerade der fein verästelte Satz im Vordergrund stehen sollte. Zwar hob Nelsons manche Nebenstimme der Partitur überdeutlich hervor und verhalf ihr so zu neuem Leben. Doch insgesamt wirkte die Musik zu wenig kammermusikalisch, zu wenig zart und viel zu wenig blühend.
Doch immerhin hatte Nelsons noch einen Trumpf in der Tasche, den finnischen Trompeter Hakan Hardenberger. Er spielte sich hellhörig und brillant durch Haydns berühmtes Trompetenkonzert Es-Dur und gab sich anschließend in Mark-Anthony Turnages „From the Wreckage“ (2004) modernen Klängen hin. Auf Flügelhorn, Trompete und Pikkolo-Trompete erzählt das famos orchestrierte Werk dem Aufstieg aus Leiden zu Freuden. Der immer höhere Trompetenklang schafft eine dreifache Steigerung. Bis hin zu swingenden Synkopen reicht die Reise und Hardenberger überzeugte auf ganzer Linie. Nur der „Feuervogel“ überbot diese Darbietung. Strawinsky und Birmingham sind eben eine gute Kombi. Die möchte man gerne immer wieder hören.
Kölner Philharmonie, 1.3.2010
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin Berlin/Ingo Metzmacher
Oft werden sie nicht gespielt, die „Faust-Szenen“ von Robert Schumann. Der 200. Geburtstag des Komponisten gab dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Chef Ingo Metzmacher Anlass, sich diesem abendfüllenden Werk in der Philharmonie einmal zu widmen. Dabei wurde schnell deutlich, wie visionär Schumann hier den berühmten Stoff 1844 bis 1853 bearbeitete. Sein Ergebnis ist eine Mischung aus sinfonischer Kantate und Oper. Es gibt französisch angehauchte Duette ebenso wie sakrale Chorsätze. Als Grundlage diente ihm Goethes Tragödie, die er geschickt in drei „Abteilungen“ zerlegt. Gretchen und Faust, Fausts Tod sowie Fausts Verklärung sind die Inhalte.
Immer wieder setzt Schumann den Klang der dunklen Streichinstrumente ein. Apart kombiniert werden sie mit der schrillen Piccolo-Flöte und vielen bewegten Mittelstimmen. Alles ist ineinander verwoben und öfter wird man beim Sprechgesang an Wagner erinnert, der damals gerade erste Opernerfolge feierte. Doctor Marinus’ Gesang „Höchste Herrscherin der Welt“ klingt mit seiner in sanften Harfenklang eingebetteter Bariton-Melodie wie eine Antwort auf Wolframs „Abendstern“-Gesang aus dem „Tannhäuser“.
Ergreifender Mittelpunkt war denn auch Christian Gerhaher, der neben diesem Part natürlich auch die Hauptrolle Faust übernahm. Sein sanft fülliges, liedhaftes und immer nachdenkliches Timbre passte hervorragend zum ewig suchenden Gelehrten. Als Gretchen überzeugte nicht ganz die Sopranistin Camilla Nylund, die hohe Töne glanzlos und insgesamt zu fraulich sang. Georg Zeppenfeld gefiel hingegen mit kernig-samtigem Bass. Sein Mephisto war eher gutmütig. Überhaupt kam das dramatische Element in der Aufführung zu kurz, eher interpretierte Metzmacher das Werk neutral konzertant. Pur und ohne Dirigierstab gab er der Partitur eine vorbildliche Durchsichtigkeit.
Dem Rundfunkchor Berlin gebührt ein besonderes Lob für die plastisch und dynamisch ausgefeilten Vokalsätze. Da herrschten wirklich Wohlklang durch die Reihen und der finale „Chorus mysticus“ erstrahlte mit ungeheurem Tiefgang. Ein Chorknabe wurde da bereits schwankend vom Podium geführt. Mit dem Staats- und Domchor Berlin hatte er zuvor mehrfach glänzen können. Durch prägnante Aussprache gefielen die rasch auf die Bühne eilenden Knaben. Mit 120 Minuten sind Schumanns 1862 erstmals in Köln vorgestellten „Faust-Szenen“ zwar ausladend, aber jede Sekunde hörenswert.
Kölner Philharmonie, 9.2.2010
Moskauer Virtuosen/Vladimir Spivakov, Mischa Maisky
Der Gang von Vladimir Spivakov zum Dirigierpult ist weich und elegant. Fast tänzelt er zu seinen Moskauer Virtuosen. In der Musik ist das anders. Da erlaubt er keine Verzärtelungen. Es herrscht ein zackiger Elan, eine bisweilen allzu motorische Beredsamkeit. Mozarts früher A-Dur-Sinfonie KV 201 mit seinem markanten Oktavsprung nimmt er so allen Charme. Zwar achtet er auf Struktur und Durchsichtigkeit, doch die Musik findet bei angezogenem Tempo kaum Zeit zum Atmen. Selbst das empfindsame Andante wurde flott abgespult. Große Pausen kennt Spivakov nicht und spielt alle Sätze fast ohne Absatz hintereinander weg. Trotz den hervorragenden Streichern des Orchesters hinterließ diese Interpretation, Auftakt des jüngsten „Meisterkonzerts“ in der Philharmonie, einen zwiespältigen Höreindruck.
Kurioser Weise passte die Spielweise wiederum perfekt zu Luigi Boccherinis d-Moll-Sinfonie op. 12/4. Ihr Beiname „La casa del Diavolo“ führt uns ins Haus des Teufels. Die furios komponierte Musik gehört zu den eigenwilligsten Werken des Italieners und zitiert Glucks ehemals beliebtes Ballett „Don Juan“. Die Moskauer Virtuosen spielten die Höllenfahrt des Lebemanns entfesselt und dennoch klar artikuliert. Besser kann man das wohl kaum machen. Das Publikum in der ausverkauften Philharmonie war ganz aus dem Häuschen. So gab es hinterher auch einen üppigen Zugabe-Reigen.
Gekommen waren viele auch wegen dem Star des Abends: Mischa Maisky. Der ergraute Cellist mit löwenartigem Schopf führte gleich zwei Hemden aus seiner Kollektion vor: das erste silbrig glänzend, das zweite bläulich türkis. Die Farben wählte er offenbar passend zu den beiden präsentierten Cellokonzerten von Boccherini (Nr. 6 G 479) und Haydn (Nr. 1 Hob.VIIb:1). Höhepunkt war keins von beiden, sondern eher Tschaikowskys als Zugabe gespielte „Nocturne“ op. 19/4. Darin konnte er seine sensible Ader, sein Gespür für freie Melodiegestaltung prächtig ausleben.
Doch das berühmte Haydn-Konzert etwa spielt die jüngere Cellistengeneration heute wesentlich geschlossener, sauberer und eleganter. Im Laufe seiner Karriere hat Maisky so viele Affekthaschereien rausgebildet, die mit Kunst eigentlich nichts zu tun haben. Er sägt die Saiten ruppig an, bringt den Ton in den höheren Registern kaum zum Leuchten, schleift Verzierungen nachlässig runter. Da machte das Zuhören wirklich kaum Freude, auch wenn in dieser Interpretation manche Charakterzüge hervorblitzen, die ihn zum Star gemacht haben. Dazu gehört etwa seine aufgeweckte Gestaltungsgabe. Doch dieser Abklatsch war irgendwie beschämend, auch für den Veranstalter. Große Namen großer Klassiklabels machen eben den Saal voll, da bleibt die Qualität mitunter nebensächlich.
Kölner Philharmonie, 29.1.2009
New York Philharmonic/Alan Gilbert
Seit Leonard Bernsteins Zeiten hat sich das New York Philharmonic mit den Sinfonien von Jean Sibelius beschäftigt. Sie fristen ja ein ausgesprochenes Schattendasein im heutigen Konzertbetrieb. Hingegen wird Sibelius’ Violinkonzert wird rauf- und runtergespielt, und die reißerische Tondichtung „Finlandia“ taugte sogar als Soundtrack zu Bruce Willis Actionfilm „Die Hard 2“. Zum Glück hatte das New York Philharmonic den Mut, das Philharmonie-Publikum mit einer explosiven Interpretation der Zweiten zu beglücken. Unter dem neuen Chef Alan Gilbert erklang diese „lyrische“ Sinfonie als brillantes Orchesterstück.
Eine einsame Klarinette über pochenden Pauken, kantige Blech-Attacken und warm singende Streicher: all das kennt die Musik des finnischen Spätromantikers. Doch sind diese Elemente oft raffiniert verkürzt. Kaum ein Thema darf sich breit aussingen. Unerwartet wird dem aufkeimenden Wohlklang der gemütliche Boden entzogen. Das Spiel mit Klangflächen und Klangverfremdungen erreicht hier einen Höhepunkt, der weit ins 20. Jahrhundert weist. Schaut man auf das Entstehungsdatum 1901 reibt man sich allerdings verwundert die Augen. Selbst Magnus Lindbergs vorneweg als deutsche Erstaufführung gespieltes Orchesterstück „EXPO“ (2009) wirkte gegenüber der Musik seines Landsmanns Sibelius geradezu konventionell.
Vielleicht kam in Gilberts plastisch geformter und kontrolliert ausbalancierter Darstellung das Lyrische etwas zu kurz. Das Geheimnisvolle, Zerbrechliche in Sibelius’ Musik blieb den relativ direkt spielenden Streichern verborgen. Prächtig agierte wiederum das Blech, das mit rundem und zugleich wuchtigem Zugriff beeindruckte. Packend auch, der große Bogen, mit dem Gilbert die Musik bis zum glühenden Finale formte. Keine Frage, der New Yorker gehört einer neuen, technisch versierten Dirigentengeneration an. Seine rhythmisch präzise wie sparsame Schlagtechnik bewies er auch in der Zugabe, Tschaikowskis „Polonaise“ aus „Eugen Onegin“.
Noch einen weiteren Höhepunkt bot das Konzert: Prokofjews zweites Klavierkonzert mit dem russisch-israelischen Pianisten Yefim Bronfman. Konnte dieser bei seinem letzten Philharmonie-Auftritt im Oktober mit Brahms zweitem Klavierkonzert nicht so recht überzeugen, legte er nun eine wahre Musterinterpretation vor. Die Mischung aus Klarheit, Distanz und Emotion passte perfekt zur Musik. Teile wie die große Kadenz im ersten Satz gerieten mit stählerner Kraft und gebändigter Poesie. Bronfman spielte unpathetisch, aber expressiv aufgeladen. Beispielhaft auch das Orchester. Dafür gab’s stehende Ovationen und als Zugabe das Finale aus Schumanns „Faschingsschwang“.
Kölner Philharmonie, 1.2.2010
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR/Neville Marriner
Engelsgleich, mit weiß glänzendem Kleid schritt die gerade 21-jährige Veronika Eberle aufs Philharmonie-Podium. Die frische Geigerin aus der Talentschmiede Ana Chumachencos wirkte wie eine Wiedergeburt jenes „Engels“, dem Berg sein Violinkonzert 1935 gewidmet hat. Gemeint ist damit Manon Gropius, Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, die mit gerade 18 verstarb. Berg gedachte ihr in diesem epochalen Werk mit himmlischer Musik, in der Zwölftontechnik und harmonische Lyrik eine innige Beziehung eingehen. Kein anderes Stück spiegelt die Fusion von Spätromantik und Neuer Musik besser.
Intuitiv und schwebend wirkte Eberles Ton. Sie besitzt eine makellose Technik, die selbst hohe Flageoletts sicher und leuchtend zur Geltung bringt. Nie lässt sie sich auf ihrer Stradivari zu ruppigen Attacken a la Kopatschinskaja verleiten. Selbst in den aufwühlenden Passagen des zweiten Satzes bleibt ihr Klang abgerundet. Diese Interpretation hatte Klasse, auch wenn sie das Publikum nicht zu Beifallsstürmen hinriss. Niveau und Können behaupten sich eben nicht nur laut.
Neville Marriner hatte dieses „Deutschlandfunk extra“-Konzert kurzfristig für den verhinderten Matthias Pintscher übernommen. Über seine Spielkultur muss nicht diskutiert werden. Er leitete das hervorragende Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR mit dem ihm eigenen Understatement. Wichtig sind ihm Transparenz, gute Staffelung des Orchesterapparats und keine Verzärtelung des Klangbilds. Statt der „großen“ Sinfonie C-Dur nahm er kurzerhand Schuberts „Unvollendete“ ins Programm. Natürlich in der Ergänzung des Briten Brian Newbould, für die sich Marriner unermüdlich einsetzt. Dieser komplettierte das romantische Fragment mit einem auf Schubert-Skizzen beruhendem Scherzo und einem Finale.
Der Höreindruck ist immer wieder überraschend. Die ersten Sätze sind so neuartig, dass jede Ergänzung einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt. Besonders im Finale erwartet der Hörer die visionäre Sprache des Kopfsatzes. Die fällt in Newboulds Ergänzung unter den Tisch, da er auf einen h-Moll-Satz aus Schuberts Bühnenmusik „Rosamunde“ zurückgreift. Sicher stimmt die Orchesterbesetzung und Tonart mit der „Unvollendeten“ überein, aber der Charakter ist eben doch ganz anders. Mit Anton Weberns hellhöriger Orchestration von Bachs Fuga ( Ricercata) aus dem „Musikalischen Opfer“ wurde das Konzert wohltuend abgerundet.
Kölner Philharmonie, 26.11.2009
Concerto Köln, Philippe Jaroussky
Alte Musik und die Philharmonie ausverkauft – welche Spezialensembles träumen nicht davon? Auch für Concerto Köln war es sicher ein tolles Gefühl, dass sich die Zuhörer im Saal dicht an dicht drängten und anschließend in lauten Jubel ausbrachen. Das große Interesse galt freilich dem 31-jährigen ECHO-Preisträger Philippe Jaroussky, der mit seinem sanften Countertenor die Herzen der Menschen zu erweichen vermag. Der smarte Franzose ist ein neuzeitlicher Orpheus. Schlaksig in elegantem schwarz tritt er auf die Bühne und ergeht sich in emotionalen Arien des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian und von Georg Friedrich Händel. Die italienischen Texte erzählen von geschmähter Liebe und Verrat. Sie stammen aus Opern mit antik-historischen Sujets, wurden circa 1730 bis 1770 komponiert und sind heute allesamt vergessen wie etwa „Ataserse“, „Tolomeo, Ré di Egitto“, „Carattaco“ oder „Alcina“.
Jaroussky ist ein stilvoller Sänger, einer, der seine Stimme biegsam entlang den Noten schmiegt. Sein Falsett ist hell und weich, der Übergang ins tiefe Register sauber, wobei seine Stimme nie zu sehr abdunkelt. Er macht die ehemals für Kastraten verfassten Showarien durch prägnante Aussprache lebendig. Vor allem hat er die Ruhe für Gesänge wie Bachs „Cara, la dolce fiamma“, ein inniges Liebesgeständnis, mit Verzierungen von Mozart angereichert. Meist improvisierten die damaligen Sänger im letzten Teil einer Arie rasante Läufe hinzu, heizten die Stimmung zunehmend auf, stellten ihr maskulines Können über die Musik. Der Umgang mit dem Notentext war vermutlich sehr viel lockerer als in heutiger Zeit. Jaroussky blieb in der Auszierung zurückhaltend, ließ der Musik stets den Vortritt.
Das Ergebnis war famos und auch die Instrumentalbegleitung hielt sich auf hohem Niveau. Concerto Köln unter dem Cembalisten Nicolau de Figueiredo spielte einfühlsam und lustvoll, bereicherte den Abend mit Händels „Arival of the Queen of Sheeba“ oder der Suite F-Dur HWV 348. Der agil und drahtig von seinem Instrument aus dirigierende Figueiredo erfreute außerdem mit Johann Christian Bachs frühem Cembalokonzert f-Moll W 73. Ein außergewöhnlicher Abend mit anschließender Signierstunde und Kölschempfang im Foyer. Dabei wurde Jarousskys neue CD angeboten, die natürlich – welch Wunder – Arien von Johann Christian Bach enthält.
Kölner Philharmonie, 12.9.2009
WDR Rundfunkorchester/Arnold Roth
Japaner lieben Computerspiele und gelten als Vorreiter auf diesem Gebiet. Einige diese Games erreichten Kultstatus, so „Final Fantasy“, das im nächsten Frühjahr bereits in der 13. Version für Playstation 3 und X-Box 360 erscheint. Da sich die Spiele nicht nur optisch, sondern auch akustisch immer weiter entwickeln, gönnen sich große Firmen wie Square Enix sogar orchestrale Soundtracks à la Hollywood. Einige davon stellte das WDR Rundfunkorchester nun in dem Konzert „Symphonic Fantasies“ vor. In der vor jungen Leuten überquellenden Philharmonie brach tosender Jubel aus, als der quirlige RTL-Moderator Daniel Hartwich den 50-jährigen „Final-Fantasy“-Komponisten Nobuo Uematsu vorstellte.
In Japan längst ein Renner, sind symphonische Konzerte mit Game-Musik in Europa noch Neuland. 2003 fand die erste deutsche Veranstaltung in Leipzig statt, 2008 folgte der WDR Köln mit „Symphonic Shades“. Jetzt wurde erstmals ein japanischer Spielehersteller mit einem Konzert geehrt, live im Radio und weltweit über Internet übertragen. Hintergrund dieser rheinischen Aktivitäten: Die führende Spielemesse „Gamescom“ findet seit diesem Jahr in Köln statt und löst die Leipziger „Games Convention“ ab.
Der amerikanische Grammy-Preisträger Arnold Roth dirigierte die üppig gesetzten Partituren, wirkungsvoll eingebettet in farbiges Scheinwerferlicht. Yoko Shimomuras Soundtrack zum Rollenspiel „Kingdom Hearts“ bettet impressionistische Arpeggion des Solo-Klaviers (Pianist: Benyamin Nuss) in süffige Streicherkantilenen. Mehr auf Geräusche setzt die Partitur von Hiroki Kikuta, in dem der lateinisch singende WDR Rundfunkchor mit raschelnden Notenblättern auch mal den fliegenden Drachen untermalt. Der hier angestimmte opulente und perkussive Klang wurde nach der Pause fortgeführt. In „Chrono Trigger“ und „Chrono Cross“ von Yasunori Mitsuda und Nobuo Uematsu brachte der libanesische Star-Trommler Rony Barrak ordentlich Dampf in die Musik. Witzige Effekte wie schräges Orchesterspiel enthält Uematsus Score zu „Final Fantasy“. Abgerundet wurde alles mit einer Fanfare des Finnen Jonne Valtonen, der sämtliche Soundtracks des Abends für großes Orchester arrangierte. Am Ende: Stehende Ovationen für alle anwesenden Komponisten, Solisten und das glänzend aufspielende WDR Rundfunkorchester.
Kölner Philharmonie, 21.6.2009
Gürzenich-Orchester/Gustavo Dudamel, Christian Tetzlaff
Richard Strauss’ „Alpensinfonie“ (1915) ist sicher eine der spektakulärsten Partituren der gesamten Musikgeschichte. In die orchestrale Bergbesteigung packt der bayerische Hobbywanderer alle erdenklichen Schwierigkeiten und formt ein plakatives Breitwandpanorama zwischen leuchtendem „Sonnenaufgang“, erhabenen Gefühlen auf dem „Gipfel“ und bedrohlichem „Gewitter“. Trotz aller Effekte komponiert Strauss in dieser oft als oberflächlich getadelten Tondichtung mit philosophischen Hintergedanken. Nietzsche prägt das Werk ebenso wie eine Hochachtung vor der Natur, es ist die erste ökologische Sinfonie.
Gut gerüstet stürzte sich das Gürzenich-Orchester im ausverkauften letzten Abokonzert der Saison ins Abenteuer – und gewann. Das lag sicher auch am jungen Stardirigenten Gustavo Dudamel, der bereits 2006 die Gürzenich-Musiker anheizte. Der Chef des Simón-Bolivar-Jugendorchesters in Venezuela ist ein dirigentisches Heißblut. Die Höhepunkte der Strauss-Sinfonie ließ er in grellen Farben malen, verlor im Dickicht der Partitur nie die Hauptlinie und hatte den großen Bogen stets im Blick. Blind vertrauen konnte er auf das äußerst trittfeste Blech, den satten Streichersound, die dynamischen Schlagwerker und die famosen Holzbläser. Solo-Hornist Markus Wittgens, Solotrompeter Bruno Feldkircher und Solo-Oboist Tom Owen erhielten anschließend sogar Sonderapplaus. Denn Dudamel – der die Sinfonie auswendig dirigierte – versteckt sich gerne während des Schlussjubels in den Orchesterreihen.
Reißerisch gelang vor der Pause auch Tschaikowskys Violinkonzert mit Ausnahmegeiger Christian Tetzlaff. Während Dudamel den Satzbeginn noch ruhig aufzubauen ersuchte, setzte der gebürtige Hamburger von Anfang an auf Risiko und musikalische Sprache. Das birgt auch Gefahren in sich. Wer einen schönen, sauber kultivierten Geigenton mag, sollte lieber woanders zuhören. Tetzlaff geht es um Temperament und musikalisches Erleben. Er riss die Zuhörer durch seine Interpretation wie auf einem Teufelsritt mit. Manchmal schnarrte und knarrte die Geige, das man um das wertvolle Instrument fürchten musste. Tetzlaff spielt übrigens keine Stradivari, sondern eine Violine des (lebenden) Bonner Geigenbauers Peter Greiner. Überlegen phrasierte er in der Kadenz, vertraute ansonsten auf die Verständigung mit Dudamel – etwa über das rasante Tempo im Finale. Wie aus einer anderen Welt klang die „Canzonetta“, mit gedämpften Streichern gespielt und sorgsam abgestuft. Fazit des mit stehenden Ovationen gekrönten Konzerts: Nichts für schwache Nerven!
Kölner Philharmonie, 22.5.2009
WDR Sinfonieorchester/Andris Nelsons, Arabella Steinbacher
Bei diesem Konzert stimmte einfach alles. Das WDR Sinfonieorchester spielte in Höchstform, angespornt vom lettische Dirigenten Andris Nelsons. Die Solistin Arabella Steinbacher bot eine profilierte Interpretation von Beethovens Violinkonzert, und die Philharmonie war auch noch ausverkauft. Da freut sich der Veranstalter und lässt das Publikum gelassen jubeln.
Doch galten die Ovationen sicher nicht nur der Lautstärke am Schluss, sondern dem überzeugenden Musikzieren aller Beteiligten. So wurde Beethovens oft gehörtes Violinkonzert von innen ausgeleuchtet, die Binnenstimmen und Holzbläser lebendig in die Partitur eingebunden. Dabei wählte Nelsons zunächst gemäßigte Tempi, arbeitete die Höhepunkte jedoch markant heraus. Bestens dazu passte Steinbachers Solopartie. Sie musizierte ausdrucksvoll, rundete alle Phrasen schön ab. So wurde der kantable Geist des himmlisch langen und daher nicht einfach zu deutenden Konzerts erfasst. Beethoven verzichtet bis auf das Schlussrondo fast ganz auf virtuose Mätzchen. Wie innerlich seine Musik dennoch klingen kann, kam hier einmal zur Geltung. Wunderbar geriet der Dialog mit dem ersten Fagott am Ende des Kopfsatzes. Natürlich verfügt Steinbacher über einen verführerischen Ton und traumsichere Technik. Neben Lisa Batiashvili und Julia Fischer ist die 27-jährige Deutsch-Japanerin der dritte große Geigenstar aus der Münchner Talentschmiede von Geigenprofessorin Ana Chumachenco.
Nach der Pause gab es Nervenmusik pur in Form von Berlioz „Symphonie fantastique“. Nach dieser explosiven Darstellung ahnte man, wieso die Welt 1830 von diesen Klängen schockiert war. Dem Franzosen geht es nicht um Schönklang, sondern um Wahrheit und Charakter. Das Hässliche bekommt bei ihm einen eigenen Reiz. Den finalen „Hexensabbat“ ließ Nelsons fratzenhaft hinpfeffern. Bis zur Brutalität steigert er die Musik. Dabei hopst der Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra auch mal mit erhobenen Armen herum. Mit blitzschnellen Gesten kontrolliert er das gesamte Orchester, das in allen Instrumentengruppen markant aufspielte. Auch andere Teile wie der zerklüftete Kopfsatz oder die Szene „Auf dem Land“ wurden klug gestaffelt. Eine Sternstunde in der Philharmonie.
Kölner Philharmonie, 6.2.2009
Grigorij Sokolov
Einer der letzten großen Pianisten der russischen Klavierschule gab in der Philharmonie ein umjubeltes Recital: Grigorij Sokolov. Wie sein verstorbener Kollege Swjatoslaw Richter mag er die Dunkelheit auf dem Podium. Nur ein diffuses Spotlight beleuchtete sein Antlitz. Das schuf eine intime Atmosphäre und schärfte die Konzentration. Etwa darauf, wie klug er die Sforzati der linken Hand im Kopfsatz von Beethovens Sonate Es-Dur op. 27 Nr. 1 setzte. Sokolovs Artikulation ist stets durchdacht und gereift. Er macht aus dieser „Sonata quasi una Fantasia“ ein raffiniertes Kunstwerk, mit akzentuierten Staccati und abgerundeten Akkorden. Er interpretierte fantasieartig frei und dennoch strukturell ordnend.
Es war sicher kein reißerisches Programm, das Sokolov seinen aufmerksamen Zuhörern präsentierte. Außer dem genannten Werk spielte er noch Beethovens frühe A-Dur-Sonate op. 2 Nr. 2 und nach der Pause Schuberts große D-Dur-Sonate D 850. Zwei Stücke, die in ihrem graziösen Charakter und stillen Schlüssen viel gemeinsam haben. Löst sich bei Schubert am Ende jegliche Musik in leise verspielte Figuren auf, lässt Beethoven seine Joseph Haydn gewidmete Sonate in einem sanften Bass-Vorhalt ersterben. Gerade diese Traurigkeit unter der heiteren Oberfläche vermochte Sokolov ergreifend zu transportieren. Er ist ein Vollblutmusiker, der am Flügel mit verzerrtem Gesicht und geräuschvollem Atem jeden einzelnen Ton innerlich erfühlt. Und bei seinen Abgängen von der Bühne erinnerte nicht nur der auf den Rücken gezogene linke Arm an späte Beethoven-Bilder. Vielleicht hätte der ruppige Meister selbst so musiziert.
Typisch für Sokolovs Konzerte ist, dass nach dem offiziellen Programm noch lange nicht Schluss ist. Über eine halbe Stunde lang bot er dem immer eifriger applaudierenden Publikum, eingebettet in Stücke des 18. und 20. Jahrhunderts, eine Kurzfassung der Chopin-Préludes op. 28. Die melancholischen „Regentropfen“ und elegische e-Moll-Kantilene wusste er in den Nr. 15 und 4 eindringlich zu gestalten, spielte sich rasant durch die „con fuoco“-Nr. 16 und die leidenschaftliche Nr. 24. Kaum störten dabei paar falsche Töne und ein mitunter üppiger Pedalgebrauch das Hörvergnügen. Denn am Werk war ein echter Musiker, der etwas zu sagen hat. Das können wenige von sich behaupten.
Kölner Philharmonie, 4.2.2009
I musici di Roma, Albrecht Mayer
„Echo“-Preisträger Albrecht Mayer war natürlich der Star dieses „Meisterkonzerts“ in der Philharmonie. Mit dem italienischen Streicherensemble I musici di Roma widmete sich der Oboist barocken Schätzen aus der Lagunenstadt Venedig. Dorthin führt auch seine neue CD, auf deren Cover er auf einer Gondel übers Wasser schwebt. Wie gut passt dieses Bild zu seinem luftigen Spiel. Auch seine lockeren Moderationen vor der Zugabe, einer „Canzone“ des Venezianers Benedetto Marcello, kamen gut beim Publikum an. Wer den „Dschungelkönig“ als Beispiel für das beschworene Leid dieses ergreifenden Gesangs anführt, hat die Lacher auf seiner Seite.
Es konnte also nichts schief gehen bei diesem werbewirksamen Auftritt mit anschließender Signierstunde. Der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker musizierte sich virtuos durch Konzerte von Antonio Lotti und Vivaldi. Vor allem das ausdrucksvolle Adagio in Alessandro Marcellos d-Moll-Oboenkonzert machte er zum ergreifenden Monolog. Am Ende seines Solos reißt er abrupt sein Instrument vom Mund und spornt die Musiker zu einem pathetischen Nachspiel an.
Sicher hatten I musici diese Starthilfe gar nicht nötig. Das traditionsreiche Spitzenensemble, 1952 von Studenten der berühmten Accademia Nazionale di Santa Cecilia begründet, besitzt heute im bärtig-schlanken Antonio Anselmi einen hervorragenden Konzertmeister. Der zeigte sich im Dialog mit Mayer, etwa in Vivaldis Konzert RV 548, auf gleicher Augenhöhe. Und auch sein Dialog mit Geigen-Kollege Gianluca Apostoli geriet fabelhaft. Herrlich auch das Cello-Duo Vito Paternoster und Pietro Bosna in Vivaldis Doppelkonzert RV 531.
Die 12 Musiker, allesamt Spitzenkräfte, setzten Vivaldis lustvolle Streicherwirbel gleich in der eröffnenden Sinfonia RV 149 furios um. Da sprudelte und tänzelte es wie im turbulenten venezianischen Karneval: frech und verführerisch, aber immer stilvoll. Errungenschaften der „historisch informierten“ Aufführungspraxis haben sich die Musiker einverleibt, ohne dogmatisch zu wirken. Besonderes Gewicht legt das Ensemble seit frühen Zeiten auf einen pulsierenden Generalbass (Cembalo und Kontrabass). Alles wirkt spontan und natürlich, genau wie es sein muss. Zum Schluss gab es noch Geminianis Concerto-grosso-Bearbeitung von Corellis populärer „La follia“-Sonate op. 5 Nr. 12.
Kölner Philharmonie, 29.1.2009
New York Philharmonic/Alan Gilbert
Seit Leonard Bernsteins Zeiten hat sich das New York Philharmonic mit den Sinfonien von Jean Sibelius beschäftigt. Sie fristen ja ein ausgesprochenes Schattendasein im heutigen Konzertbetrieb. Hingegen wird Sibelius’ Violinkonzert wird rauf- und runtergespielt, und die reißerische Tondichtung „Finlandia“ taugte sogar als Soundtrack zu Bruce Willis Actionfilm „Die Hard 2“. Zum Glück hatte das New York Philharmonic den Mut, das Philharmonie-Publikum mit einer explosiven Interpretation der Zweiten zu beglücken. Unter dem neuen Chef Alan Gilbert erklang diese „lyrische“ Sinfonie als brillantes Orchesterstück.
Eine einsame Klarinette über pochenden Pauken, kantige Blech-Attacken und warm singende Streicher: all das kennt die Musik des finnischen Spätromantikers. Doch sind diese Elemente oft raffiniert verkürzt. Kaum ein Thema darf sich breit aussingen. Unerwartet wird dem aufkeimenden Wohlklang der gemütliche Boden entzogen. Das Spiel mit Klangflächen und Klangverfremdungen erreicht hier einen Höhepunkt, der weit ins 20. Jahrhundert weist. Schaut man auf das Entstehungsdatum 1901 reibt man sich allerdings verwundert die Augen. Selbst Magnus Lindbergs vorneweg als deutsche Erstaufführung gespieltes Orchesterstück „EXPO“ (2009) wirkte gegenüber der Musik seines Landsmanns Sibelius geradezu konventionell.
Vielleicht kam in Gilberts plastisch geformter und kontrolliert ausbalancierter Darstellung das Lyrische etwas zu kurz. Das Geheimnisvolle, Zerbrechliche in Sibelius’ Musik blieb den relativ direkt spielenden Streichern verborgen. Prächtig agierte wiederum das Blech, das mit rundem und zugleich wuchtigem Zugriff beeindruckte. Packend auch, der große Bogen, mit dem Gilbert die Musik bis zum glühenden Finale formte. Keine Frage, der New Yorker gehört einer neuen, technisch versierten Dirigentengeneration an. Seine rhythmisch präzise wie sparsame Schlagtechnik bewies er auch in der Zugabe, Tschaikowskis „Polonaise“ aus „Eugen Onegin“.
Noch einen weiteren Höhepunkt bot das Konzert: Prokofjews zweites Klavierkonzert mit dem russisch-israelischen Pianisten Yefim Bronfman. Konnte dieser bei seinem letzten Philharmonie-Auftritt im Oktober mit Brahms zweitem Klavierkonzert nicht so recht überzeugen, legte er nun eine wahre Musterinterpretation vor. Die Mischung aus Klarheit, Distanz und Emotion passte perfekt zur Musik. Teile wie die große Kadenz im ersten Satz gerieten mit stählerner Kraft und gebändigter Poesie. Bronfman spielte unpathetisch, aber expressiv aufgeladen. Beispielhaft auch das Orchester. Dafür gab’s stehende Ovationen und als Zugabe das Finale aus Schumanns „Faschingsschwang“.
Kölner Philharmonie, 14.12.2008,
Bamberger Symphoniker/Jonathan Nott, Lisa Batiashvili, Francois Leleux
Ein Traumpaar der Klassikszene bilden die georgische Geigerin Lisa Batiashvili und ihr Ehemann, der französische Oboist Francois Leleux. Sie gibt sich als ernste Muse mit Charme, er als schelmischer Partner. So tänzelte er zur Freude des Publikums in der Duo-Zugabe – einem Presto von Wilhelm Friedemann Bach – vom linken Bein aufs rechte. Trotz dieser Mätzchen ist der Dialog zwischen beiden Partnern aufs Äußerste geschliffen. Es gibt kaum eine Phrase, die beiläufig geformt wird. Auch in Bachs Doppelkonzert für Oboe und Violine c-Moll (eine Rekonstruktion der Urfassung des Doppel-Cembalo-Konzerts BWV 1060) war die Kunst des Verstehens ohne viel Worte zu bewundern.
„Schubert-Dialog 2“ war der Titel dieser Philharmonie-Veranstaltung, die mit den 2003 zur Bayerischen Staatsphilharmonie ernannten Bamberger Symphonikern ein treffliches Orchester aufzubieten hatte. Der Zusatz Schubert bezog sich dabei auf den letzen Programmpunkt, die berühmte „Unvollendete“, während sich der Dialog auf die Vergangenheit bezog. So spielten die Musiker zur Eröffnung die Händel-Bearbeitung des Concerto grosso op. 6 Nr. 7 vom Zwölftöner Arnold Schönberg. Darin mischen sich bereits im Allegro ein pittoreskes Xylophon und Blechbläser ins barocke Gewand. Die Bearbeitung wird zum jugendstilhaft-ornamentalen Klimt-Gemälde, mal verführerisch schwelgend, dann wieder streng-modern. Das aus dem Orchester heraus gelöste Solisten-Streichquartett spielte ungemein beweglich und warm.
Überhaupt war der warme Grundklang des Bamberger Klangkörpers an diesem Abend wieder bemerkenswert. Selbst ein so heikel-raunendes Stück wie V&V für Violine, Streicher und Tonband vom Georgier Giya Kancheli wird famos umschmeichelt. Batiashvili spielte diesen meditativen Konzertsatz – ein surrealer Dialog mit dem 1985 verstorbenen Volkssänger Hamlet Gonashvili – mit höchster Innigkeit und Einfachheit. Leiseste Flageoletts zauberte sie lupenrein aus ihrer Geige und schuf aus der Ruhe heraus eine beklemmende Stimmung. Wegen dieser Atem beraubenden Natürlichkeit zählt Batiashvili sicher zu den eindrucksvollsten Musikerinnen unserer Tage.
Schuberts „Unvollendete“ wurde hernach durch Joathan Nott unters Mikroskop gelegt. Strukturell durchleuchtet, genau artikuliert und mit hervorragender Orchesterbalance wies er auf die modernen Züge der Partitur. Doch trotz einer unendlich warm gesungenen Cellokantilene im Kopfsatz litt diese fast schleppende Sichtweise unter dem allzu kühlen Kopf des Briten. Die romantische Intuition blieb er uns schuldig.
Kölner Philharmonie, 23.11.2008,
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Elisabeth Leonskaja
Eine Besetzungsänderung machte das zweite Konzert der Philharmonie-Reihe „Klassiker!“ zu einem ganz besonderen Erlebnis. Für den erkrankten Pianisten Piotr Anderszewski sprang die große Elisabeth Leonskaja ein, die am Morgen noch in Hamburg gespielt hatte. Statt Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 gab es jetzt die Nr. 4 in G-Dur, dessen orphische Klangwelten den Interpreten vor besondere Herausforderungen stellen. So sind die raffinierten Pedalanweisungen im langsamen Satz auf dem modernen Konzertflügel kaum zu verwirklichen. Der mythologische Sänger Orpheus und seine geliebte Euridyke gelten als geheimes Programm dieses „Andante con moto“. Er verliert sie für immer, da er sich auf dem Weg aus der Unterwelt verbotener Weise zu ihr umdreht. Gesanglich legte Leonskaja auch den Klavierpart an. Dynamisch zurückgehalten, weich und warm im Anschlag, dabei dennoch konturiert: diese Eigenschaften kennzeichneten ihr Spiel. Der Klang erinnerte oft an ein leiseres Hammerklavier. Dies ließ dem Orchesterpart viel Raum zur Entfaltung. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen erfüllte ihre Aufgabe – erwartungsgemäß – famos und agil. Der stets jugendlich wirkende Konzertmeister Florian Donderer leitete seine Musiker im absoluten Einverständnis über Phrasierung und Tempo. Zwar schienen die Orchestermusiker im Finale des Beethovenkonzerts ein allzu rasches Tempo vorzugeben, das Leonskaja in ihrem ersten Solo zunächst etwas abbremste. Doch fügten sich beide dann sehr gut zusammen, eindrucksvoll auch die von der Pianistin mit innerlich glühendem Understatement vorgetragenen Kadenzen im ersten und letzten Satz. Das wirkte reif und abgerundet. Ohne Zugabe verließ die Pianistin unter stehenden Ovationen den Saal. Vor der Pause hatte die Kammerphilharmonie ihre Qualitäten in einer filigran ausbalancierten Haydn-Sinfonie (Hob. I:54) und in Darius Milhauds selten gespielter „Musique pour Lisbonne“ op. 420 bewiesen. Darin genoss man den seidigen Streicherglanz ebenso wie die schönen Oboen-Linien. Ein Werk, das trotz seiner Entstehung um 1966 wie an der Schwelle zur Neuen Musik wirkt.
Kölner Philharmonie, 10.10.2008,
Tamara Stefanovich
Wenn sich eine junge Pianistin wie die in Belgrad geborene Tamara Stefanovich der zeitgenössischen Klaviermusik verschreibt, hat das schon fast missionarische Züge. Nach wie vor gehören Stücke wie György Ligetis Etüden nicht zum engeren Repertoire von aufstrebenden Konzertpianisten. Das ist kaum verständlich, sind es doch raffinierte Miniaturen voller Klangrausch und Poesie. Der Geist des romantischen Charakterstücks lebt in Ihnen weiter. Nur eben mit zeitgemäßen Mitteln, die auch Jazz und Automatenmusik kennen. Stefanovich mixte in ihrem Philharmonie-Programm einige Ligeti-Etüden mit Auszügen aus Rachmaninows Études-tableaux op. 33 und 39. Das machte Sinn und eröffnete erstaunliche Parallelen. Einige Passagen des russischen Romantikers an der Schwelle zur Moderne könnten auch vom Ungarn Ligeti stammen. Dies verdeutlichte Stevanovich in der zweiten Programmhälfte. Ihr Zugang zu Stücken wie Rachmaninows bekannter Etude op. 33/2 mag für manche Ohren vielleicht allzu sachlich klingen, doch die Struktur legte die Pianistin dabei mit kühlem Kopf offen. Der sich steigernde Dialog von Ober- und Bassstimme, das unruhige Flimmern der Mittelstimme hielt sie sorgfältig im Gleichgewicht. So wurde die naturbedingte Reibung in diesem nur zweiminütigen Stück hörbar.
Stevanovitch gelang ebenso eindrucksvoll die Organisation der fulminanten Ligeti-Etude „L’escalier du diable“. Selbst dem Nachhall räumte sie genügend Zeit ein. An vielen Details zeigte sich eine intelligente Gestalterin, die ihr Wissen über Neue Musik auch bei Pierre-Laurent-Aimard an der Kölner Musikhochschule erlernt hat. Selbst in den Zugaben blieb sie sich treu und setzte mit Ligeti und Messiaen zwei deutliche Plädoyers für die Moderne. Die erste Programmhälfte bot mit Werken des 18. Jahrhundert einen deutlichen Kontrast. Oder war es der einzig logische Bezugspunkt? Denn von Komponisten wie Bach und den Wiener Klassikern waren viele musikalische Neuerer des 20. Jahrhundert begeistert. Stefanovich begann mit Bachs „Aria variata“ und Mozarts „Duport-Variationen“. Sie ging diese Stücke mit klar konturiertem Anschlag und wenig Pedal an. Ihr Spiel tendierte hier fast mehr zur Empfindsamkeit als in den Rachmaninow-Etüden. Und Haydns As-Dur-Klaviersonate Hob XVI:43 spielte sie mit der nötigen Finesse. Nach knapp zwei Stunden endete ein außergewöhnlicher und anregender Klavierabend.
Kölner Philharmonie, 6.6.2008,
Kölner Kammerorchester, 20 Jahre „Das Meisterwerk“
Es ist ein feierlicher, doch irgendwie auch wehmütiger Festakt: Ein Urgestein des Kölner Musiklebens gibt in drei Festkonzerten seinen Abschied: der Dirigent Helmut Müller-Brühl. Seit 20 Jahren gehört seine Reihe „Das Meisterwerk“ zu den bestbesuchten der Philharmonie. Sein Einsatz für die klassische Musik zwischen Bach und Beethoven ist auf über 200 CD-Einspielungen mit dem Kölner Kammerorchester dokumentiert (zuletzt erschien bei NAXOS etwa die Haydn-Edition mit allen 24 Solokonzerten). Im Juni feiert Müller-Brühl nun seinen 75. Geburtstag und gibt die Führung des Orchesters, das er über 40 Jahre leitete, in die Hände von Christian Ludwig. Der 1978 in Köln geborene tritt eine nicht ganz leichte Aufgabe an. Das Kölner Orchester und die Reihe waren fest mit der Person Müller-Brühls verankert. Der in Köln, London und Mannheim ausgebildete Ludwig wird sich da einiges einfallen lassen müssen. Doch die Interpretation der letzten Haydn-Sinfonie Nr. 104 „Salomon“ im 1. Festkonzert in der Philharmonie gab schönste Hoffnungen. Man merkt, dass Ludwig das Orchester formen will. Vielleicht leiser und unauffälliger als manch anderer, dafür jedoch mit Weitblick. Hingegen gehörte der andere Festdirigent Christoph Spering zum „alten Eisen“ der Kölner Musikszene und machte sich als „historisch informierter“ Musiker längst weltweit einen Namen. Seine Darstellung von Beethovens Neunter – mit dem Chorus Musicus und ausgewählten Solisten – hatte Schärfe und Elan. Im Sturmschritt blies er den Staub von der romantischen Aufführungsgeschichte des Werks und hielt sich an Beethovens überaus schnelle Metronomangaben. Zwei unterschiedliche Temperamente also, die der Reihe weiterhin verbunden bleiben. Beiden dankte Müller-Brühl auf dem anschließenden Empfang in der Kundenhalle der Deutsche Bank AG am Andreaskloster. Außerdem sprach er – mit ebensolcher Bescheidenheit wie Augenzwinkern – seinen Dank an die großzügigen Förderer aus, die sein musikalisches Erfolgskonzept nach wie vor tragen. Zur Deutschen Bank etwa habe er ein fast „altväterliches Verhältnis“, ließ er verlauten und legte noch paar Anekdötchen nach. Den Gastgeber Hermann-Josef Lamberti, Vorstandmitglied der Deutschen Bank AG, freute dies. Dass die private Förderung der Kultur heute immer wichtiger wird, betonte auch Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff: „Das Meisterwerk“ käme seit 20 Jahren „ohne einen Pfennig öffentlicher Zuschüsse aus, und das ist mir am liebsten“, so Grosse-Brockhoff. Daher war Müller-Brühl immer „seiner Zeit einen Schritt voraus“: als Musikarchäologe, Vermittler von historischer Aufführungspraxis und modernem Instrumentarium und als ebenso findiger wie geschickter Geschäftsmann. Er wird im Kölner Musikleben fehlen.
Kölner Philharmonie, 25.5.2008,
Münchner Philharmoniker/Christian Thielemann
Schumann und Brahms – diese beiden Erzromantiker rückte Christian Thielemann mit seinen Münchner Philharmonikern ins Zentrum eines aufregenden Philharmoniekonzerts. Der seit 2004 in der bayerischen Hauptstadt als GMD residierende Thielemann wird zu Recht als exemplarischer Interpret der deutschen Romantik gepriesen. Ob es ihm gefällt oder nicht, sein vergeistigter Dirigierstil steht in der Tat für eine sehr spezifische Durchleuchtung dieser Werke. Bereits Robert Schumanns „Manfred“-Ouvertüre (Teil einer umfangreichen Schauspielmusik zum nihilistischen Weltschmerz-Gedicht von Lord Byron) ließ Thielemann mit viel Rubati und machtvollen Orchesterhöhepunkten musizieren. Er gewährte dem Werk dabei hochromantisches Pathos und ließ die Musik in der Durchführung fast zum Stillstand kommen. Eine in ihren breiten Tempi sehr eigenwillige und doch schlüssige Darstellung der viel zu selten gehörten d-Moll-Ouvertüre. Klug gewählt war nach der Pause dazu Schumanns Vierte Sinfonie in entsprechender Tonart. Bereits im ersten Satz erkannte der aufmerksame Zuhörer so manche Parallelen zwischen den Werken. Auch zeitlich sind Ouvertüre und Sinfonie eng benachbart. Denn 1852 – im Entstehungjahr der „Manfred“-Musik – hatte Schumann seine wesentlich früher als „symphonische Phantasie“ entstandene Vierte grundlegend überarbeitet. Die Münchner Philharmoniker spielten die Sinfonie mit enormer Virtuosität und dynamisch ausgefeilter Dramaturgie. Das war eine Aufführung wie aus einem Guss, vom agil dirigierenden Thielemann überzeugend angeführt. Die rasanten Streicher, die guten Holzbläser und das wohltuende Blech waren auch in Johannes Brahms’ Violinkonzert in D-Dur famos. Thielmann begleitete den jungen Solisten Gil Shaham nicht nur, sondern gestaltete den Orchesterpart organisch mit. Der amerikanisch-israelische Geiger musizierte das Violinkonzert klug und überlegen. Schöner Ton und Ausdruck fließen bei ihm zusammen. Trotz seinem bescheidenden Auftreten darf er sich zu den wichtigsten Geigern unserer Zeit zählen. Zwei Zugaben rundeten das lautstark bejubelte Programm ab.
Kölner Philharmonie, 26.4.2008,
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks/Semyon Bychkov
Einen großen Abend bescherte Semyon Bychkov den Zuhörern in der Philharmonie. Kurzfristig übernahm er für den verhinderten Daniele Gatti das „Deutschlandfunk extra“-Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ein glückliches Zusammentreffen, denn im Hauptteil des Abends stand Tschaikowskys sechste Symphonie, legendenumwoben, da sich der Komponist anschließend mit einem Glas Cholera-verseuchtem Wasser ins Jenseits beförderte. Freiwillig oder unbeabsichtigt? Daran rätselt die Wissenschaft bis heute. Ebenso am inneren Programm des Werks mit seinem in Seufzern ersterbendem Schlusssatz. Die letzte Symphonie des russischen Meisters blieb sein Vermächtnis.
Bychkov dirigierte dieses Werk emotional und mit klaren Strukturen. Die Musik lotet ja bewusst Grenzbereiche aus: Sie ist plakativ und innig, opernhaft und sakral, brutal und elegant – oft in harten Schnitten aneinandergereiht. Darauf setzte der russische Dirigent und konnte blind den außerordentlichen Fähigkeiten der bayerischen Musiker vertrauen, die wie eine Mannschaft spielten. Sie boten eine klanglich perfekte Wiedergabe des Klassikers, weich in den Streichern, knackig im Blech und warm in den Holzbläsern. Das Orchester der musikalische „Champions League“ offerierte meisterhafte Ausdrucksmusik.
Mitunter schlug das fulminante Blech vielleicht zu harte Schneisen in einzelne Partiturseiten, so waren die Streicher in der „largamente forte possible“-Stelle im Kopfsatz (T. 285) kaum zu hören. Immerhin sollte sich ihre Melodie (fff) gegenüber den Blechbläsern (ff) doch durchsetzen. Da ist bei einer normalen Spielweise auf dem Philharmonie-Podium kaum möglich. Da gingen dem mit der Akustik im Saal bestens vertrauten WDR-Chef Bychkov manchmal die Pferde durch, da ließ er zu sehr auf äußere Wirkung bedacht musizieren. An der durchweg bezwingenden Wiedergabe tat dies natürlich keinen Abbruch. Denn es zählte die Gesamtleistung und die stehenden Ovationen des Publikums am Schluss. Seine Blumen überreichte der Maestro diesmal den zwei Männern an der ersten Klarinette und am ersten Fagott. Sie waren die Seele dieser Aufführung und tönten besonders die leisen Regionen in stimmungsvolle Farben. Die kurzfristig in das Programm genommene zweite Beethoven-Symphonie vor der Pause war als blitzsauberes und mit „historisch informierter“ Sicht musiziertes Paradestück am Ende fast vergessen.
Kölner Philharmonie, 16.4.2008,
John Mark Ainsley/Roger Vignoles
Der britische Tenor John Mark Ainsley ist ein stilvoller und delikater Liedinterpret. Mit behutsamer Gestik formt er den gesungenen Text sogar mit seinen Händen. Immer mit feinen Bewegungen natürlich. Understatement statt vokalem Auftrumpfen zeichnen sein helles Timbre aus, das in der Tradition von solchen Größen wie Peter Pears steht. Der 2007 mit dem Royal Philharmonic Society Singer Award ausgezeichnete Ainsley ist ein Meister der leisen Töne. Konzentrierten Hinhörens war gefordert, und das Philharmonie-Podium erwies sich erneut als zu groß dimensionierter Ort für solch intime Liederabende.
Sein mit dem erfahrenen Liedbegleiter Roger Vignoles präsentiertes Programm war zweigeteilt: Zunächst folgte eine englische Konzerthälfte mit Liedern von Henry Purcell und Benjamin Britten, darunter sein berühmter Zyklus „Winter Words“. In der zweiten Hälfte folgten deutsche Lieder von Schubert, Mendelssohn, Clara und Robert Schumann sowie Carl Loewe, darunter seine atmosphärisch dichte „Erlkönig“-Vertonung. Klug wurden thematische Verbindungen zwischen den einzelnen Liedern gesponnen. So kreisten die ersten vier um das Thema Musik und Liebe. In Brittens 1953 entstandenen „Winter Words“ folgte anschließend die melancholische und groteske Seite des wohl größten englischen Liedkomponisten im 20. Jahrhunderts. Und natürlich muss über Ainsleys Vertrautheit mit diesen Gesängen und Balladen nicht diskutiert werden. Sein schlanker Tenor zeichnete Gefühlsregungen mit dem Silberstift nach, wandelte je nach Textzeile auch mal den Charakter.
In den deutschen Gesängen beeindruckte neben einer guten Aussprache ebenfalls die äußerst präzise Textbehandlung. Ainsley erzählt die Lieder wie in der großen Loewe-Ballade „Tom der Reimer“ und macht die Zeile „Ich will dir sagen, wer ich bin: ich bin die Elfenkönigin!“ ganz bewusst zum Höhepunkt des Stücks. Mit diesem Satz war auch das Thema der zweiten Hälfte angegeben. Es ging um Elfen und nächtliche Spukgestalten wie den Erlkönig, die hier den Schauder der deutschen Romantik über dem begeisterten Publikum ausgossen.
Kölner Philharmonie, 7.4.2008,
Staatskapelle Dresden/Fabio Luisi
Manche Kritiker behaupten, Richard Strauss’ „Heldenleben“ müsse polizeilich verboten werden: Dieses endlose Wühlen in der heroischen Es-Dur-Tonart, der brachiale „Walstatt“-Abschnitt, die Selbstbeweihräucherung des Komponisten in „Des Helden Friedenswerke“ (mit Zitaten aus eigenen Kompositionen) und überhaupt der ganze gründerzeitliche Bombast gehören in eine vergangene Zeit. Sicher darf für eine solche Beurteilung nicht die Interpretation der Staatskapelle Dresden als Maßstab genommen werden, die das Werk unter ihrem neuen Chef Fabio Luisi in der Philharmonie aufführte. Allerdings vor vielen leeren Reihen in diesem „Meisterkonzert“.
Denn der agile Luisi bot eine ebenso schlanke wie expressive Darstellung des 40-minütigen Werks. Da wurde gleich das Hauptthema sehr männlich vorgestellt, mit spitzem Holzbläsern die „Widersacher“ geschildert und mit einem eleganten Violinsolo von Kai Vogler „Des Helden Gefährtin“ zu Leben erweckt. Der italienische Maestro ging ganz unsentimental vor, setzte nicht auf Übertreibung, sondern auf Transparenz. Blind konnte er den seidigen Streichern, den warmen Holzbläsern und dem trittsicheren Blech vertrauen. Die Staatskapelle zählt eben zu den internationalen Top-Orchestern und erhielt sich dabei auch noch einen eigenen Klang.
Natürlich gibt es sogar auf diesem Niveau die eine oder andere Unstimmigkeit, doch insgesamt formten Dirigent und Orchester Strauss’ Werk zum wirkungsvollen Höhepunkt des Abends. Zuvor bot Pianist Sebastian Knauer noch eine feinsinnige Interpretation von Beethovens erstem Klavierkonzert. Er formte die Musik bis in die Kadenzen hinein sehr organisch. Sein Anschlag ist ebenso weich wie robust, mitunter etwas pauschal-flink wie im zugegebenen Schubert-Impromtu Es-Dur. Ganz am Anfang gab es noch etwas Modernes von Isabel Mundry: „Balancen“ für ein dreigeteiltes Orchester. Das Werk erklang erstmals im September 2007, anlässlich der Amtseinführung Luisis als Dresdner GMD.
Kölner Gürzenich, 18.3.2008,
David Garrett
Auch wenn sein sympathisches Lächeln und seine lockere Art beim kreischend bejubelten Auftritt im Gürzenich darüber hinwegtäuschen, ist der Geiger David Garrett ein tragischer Held des heutigen Klassikmarktes: Nach einer Wunderkindkarriere bekam er mit gerade 13 einen Schallplattenvertrag bei der Deutschen Grammophon. Der Schüler von Ida Haendel musizierte mit großen Orchestern und Yehudi Menuhin schwärmte: „Er spielt einfach wunderbar“. Dann verschwand Garrett, kaum volljährig, wieder komplett von der Bühne. Angeblich wegen einer Handverletzung, die er sich beim Versuch zuzog, eine Paganini-Caprice technisch perfekt zu spielen. Doch waren es ebenso Stress, gesundheitliche Probleme und der Ehrgeiz seiner Eltern, die ihn zu dieser Entscheidung trieben. Der in Aachen geborene Deutsch-Amerikaner zog nach New York und lebte auch in London. Er jobbte als Model, studierte nebenher jedoch weiter Violine bei Itzhak Perlman an der berühmten Juilliard School.
Letztes Jahr tauchte er plötzlich wieder auf – mit riesigem PR-Aufwand. Medien berichteten von diesem smarten 27-Jährigen, der sein Image vom braven Wunderkind abgestreift hatte und sich nun als Mädchenschwarm präsentierte: schulterlange Haare, Drei-Tage-Bart, legeres Kapuzenshirt. Bei Interviews nuschelte er verlegen wie ein Popstar bei MTV. Man sprach von einer „zweiten Karriere“ und dem „neuen Garrett“, der mit leicht konsumierbaren Klassikhäppchen die junge Generation gewinnen will. Hinzu kommen Adaptionen bekannter Film-, Musical- und Rockmelodien. Bei seinem Kölner Konzert präsentiert er sich als Crossover-Künstler in der Tradition von Vanessa Mae, Nigel Kennedy oder Andrè Rieu, deren Platten die Klassikcharts stürmen. Das Programm ist – trotz seiner spontan wirkenden Moderation – genau abgesteckt. Nach der dritten Zugabe geht trotz allem Applaus die Saalbeleuchtung an und der Star-Geiger signiert seine neue CD „Virtuoso“.
Als Mitmusiker hat Garrett auf dieser Tour lediglich einen Schlagzeuger, Gitarristen und Keyboarder mitgebracht. Eine ukrainische Konzertpianistin steht ihm bei den Klassikstücken zur Seite. Diese meistert er durchaus beachtlich, etwa Sarasates „Zigeunerweisen“, zu denen er augenzwinkernd durch die Publikumsreihen schreitet, oder Bazzinis „Tanz der Kobolde“. Da verraten knackige Pizzicati, präzise Doppelgriffe und saubere Flageoletts seiner verstärkten Stradivari ein solides technisches Rückzeug. In gefälligen Melodien wie Bernsteins „Somewhere“ irritiert hingegen das nervöse Dauervibrato, besser gelingen ihm Shownummern wie Montis „Czardaz“. Auch eine eigene Toccata hat Garrett mitgebracht und adaptiert den Metallica-Hit „Nothing else matters“. Dabei hält sich die Qualität der dürren Arrangements in Grenzen. Stehende Ovationen sind bei seinen Konzerten selbstverständlich. Die Zeiten, als David Garrett bei Toporchestern gastierte, scheinen einstweilen vorbei. Ende Dezember spielt er in der Philharmonie mit dem Mitteldeutschen Kammerorchester Vivaldis „Jahreszeiten“.
Kölner Philharmonie, 23.11.2007,
Prager Symphoniker/Jirí Kout
Die Prager Symphoniker sind ein Traditionsorchester, das immer noch zum großen Teil aus Männern besteht. Im „Meisterkonzert“ der Philharmonie spielten sie unter ihrem seit 2006 amtierenden Chef Jirí Kout ein bunt gemischtes tschechisch-französisch-deutsches Programm. In die mit schillernden Farben gemalte Opernwelt des Mähren Janácek tauchte gleich zu Beginn das Vorspiel zu „Katja Kabanová“. Später wurde diese von den feinnervigen Streichern dominierte Ausdrucksmusik in Martinus „Sinfonischer Fantasie“ (Sinfonie Nr. 6) weitergeführt. Das selten zu hörende Werk war ein gutes Plädoyer für den wichtigen böhmischen Komponisten, der nach 1945 in Amerika moderne Sinfonien schrieb.
Der bald seinen 70. Geburtstag feiernde Kout, der u.a. als Chef an der Deutschen Oper Berlin und GMD in Leipzig wirkte, dirigierte das Werk mit souveräner Übersicht über die verästelten Stimmen. Bereits hier konnten sich die guten Holz- und Blechbläser bewähren, für die die Tschechen zu Recht berühmt sind. In der abschließenden „Moldau“ hatten sie einen großen Auftritt. Smetanas Meisterwerk wurde relativ zügig genommen, als beherztes Nationalstück.
Der Solist des Abends war der deutsch-japanische Cellist Danjulo Ishizaka, 2001 erster Preisträger beim ARD-Wettbewerb in München. Er zeigte sich in Saint-Saens erstem Cellokonzert und Max Bruchs „Kol Nidrei“ als technisch ausgereifter Musiker. Dabei spielte er mit schöner Kontrolle über Phrasierung und Tonbildung. Sicher wird man von dem 1979 geborenen Echo-Preisträger demnächst noch einiges hören.
Kölner Philharmonie, 31.10.2007,
Kölner Kammerorchester/Helmut Müller-Brühl, Augustin Hadelich
Mit lupenreinem Ton, innigem Ausdruck und filigraner Technik war der 23-jährige Geiger Augustin Hadelich der stille Star des jüngsten „Meisterwerk“-Konzerts des Kölner Kammerorchesters. In Mozarts Violinkonzerten Nr. 2 und 5 bewies der Goldmedaillengewinner des Indianapolis-Wettbewerbs 2006, was große Geigenkunst ausmacht. Mit völliger Kontrolle über seine Stradivari entdeckte er in Mozarts Konzerten neue Tiefe und Klarheit. Meisterhaft seine feinsinnige Dramaturgie in den Solokadenzen, etwa im Andante des zweiten Violinkonzerts. Kontur gab er auch dem bekannten fünften Konzert, bereits der dynamisch zurückgenommene Einstieg ließ aufhorchen. Und die virtuose Zugabe, Paganinis Caprice Nr. 21, spielte er mit himmlischer Leichtigkeit. Sicher wird Hadelich, der in den USA bereits großes Aufsehen erregte, auch bald Deutschland erobern. Der begeisterte Applaus im Saal gab dazu jedenfalls schönste Hoffnungen. Helmut Müller-Brühl hielt sein Orchester auch an diesem Abend bei Laune. Neben einem gut abgestimmten Part in den Violinkonzerten, erklangen auch die beiden Haydn-Sinfonien Hob.I:39 und Hob.I:43 einwandfrei. In letzterer übertrug er die Leitung dem jüngeren Kollegen Christian von Gehren. Ein Kandidat für eine eventuelle Nachfolge?
Kölner Philharmonie, 23.9.2007,
Cappella Istropolitana, Bob van Asperen
Philharmonie-Debüt für einen Grandseigneur der Alten-Musik-Szene: Der holländische Cembalist Bob van Asperen, einst Schüler des legendären Gustav Leonhardt, gab auf dem hiesigen Podium sein Stelldichein. An der Seite der ebenso spielfreudig wie farbig musizierenden Cappella Istropolitana ließ er Bachs Cembalokonzert BWV 1054 elegant und feinsinnig durch die Weiten des Konzertsaals tönen.
Dabei setzten die Musiker auf einen intensiven Dialog. Bereits im Eingangsritornell wurde das konzertante Prinzip betont und steigerte sich im weiteren Verlauf noch beträchtlich. Van Asperen artikulierte seinen Part überlegen und mit rhythmischer Flexibilität. Selbst die Verzierungen wirken bei ihm natürlich und fließend. Trotz aller Klangrede lässt er dem Galanten dieser Musik genügend Platz. Sein Bach wirkte daher nie streng, sondern ungemein luftig und leichtfüßig. Das macht seine Interpretationen so zeitlos. Ebenso gelang ihm das im famosen Cembalosolo des 5. Brandenburgischen Konzerts, bei dem ihm zwei ausgezeichnete Solo-Partner an Violine und Querflöte zur Seite standen.
Die Cappella Istropolitana, beim Label Naxos eines der Spitzorchester, hat sich längst einen Namen als „historisch informiertes“ wie modern aufspielendes Kammerorchester gemacht. Auch bei den slowakischen Musikern geht Werktreue mit einer natürlichen Musizierfreude einher. Die Phrasierung und das „bauchige“ Spiel der Streicher wirkte an jeder Stelle organisch. In zwei Concerti grossi von Händel (op. 6/8 und 6/1). und ganz besonders in der h-Moll-Sinfonie Wq. 182/5 von C. Ph. E. Bach kam diese Qualität bestens zum Vorschein. Wie oft wird dieser „Sturm und Dränger“ der Bach-Söhne allzu affektiert interpretiert? Dass man ohne Übertreibung Spannung erzeugen kann, bewies die preisgekrönte Cappella Istropolitana eindrucksvoll. So bot dieses sehr gut besuchte Eröffnungskonzert der Reihe „Sonntags um vier“ lebendiges Musizieren auf höchstem Niveau. Ein Genuss, nicht nur für Alte-Musik-Freunde.
Kölner Philharmonie, 4.5.2007,
WDR Sinfonieorchester/Jukka-Pekka Saraste
Zwei dunkle, bisweilen sperrige finnische Werke spielte das WDR Sinfonieorchester in seinem jüngsten Abokonzert: Magnus Lindbergs „Sculpture“ (2005) und Jean Sibelius’ „Kullervo“ op. 7. Das Programm im Rahmen der MusikTriennale war klug gewählt. So finden sich viele der von tiefen Streichern und massiven Blech charakterisierten Stimmungen aus Lindbergs Stück bereits bei Sibelius – gut 100 Jahre vorher.
Das spricht für die Modernität von Sibelius’ abendfüllender Kullervo-Saga, ein Zwitter aus Sinfonie und Kantate nach uralten finnischen Runengesängen. Der tragische Tod des in inzestuöser Liebe zu seiner Schwester verstrickten Helden wird mit rauer Orchestersprache erzählt. Neben ausgedehnten Sinfoniesätzen berichtet der männliche Chor mit oft monoton rezitierten Verszeilen die Geschichte, Bariton und Sopran treten als Hauptpersonen auf.
Die norwegische Sängerin Solveig Kringelborn und der Finne Jorma Hynninen waren eine geradezu ideale Besetzung. Ihre voluminösen Stimmen passten wunderbar zur dichten Partitur. Und auch die drei beteiligten Chöre (Herrenchor Otaniemen Kaiku, Herren des Prager Kammerchores und des WDR Rundfunkchor) konnten mit perfekter Aussprache und Stimmgewalt punkten.
Der finnische Dirigent Jukka-Pekka Saraste koordinierte die Massen von Orchester und Chor mit Übersicht. Er betonte die Schroffheit des Werks ebenso wie seine melodische Kraft. Bereits in Lindbergs auf Violinen verzichtendem „Sculpture“ hatte er das perfekt vorbereitete WDR Sinfonieorchester samt Orgel, Klavieren und separaten Bläsergruppen zu wahren Klangorgien geführt.
Kölner Philharmonie, 14.3.2007
Tokyo String Quartet
Fast unhörbar hebt die Komposition „Blossoming“ von Toshio Hosokawa an, die das Tokyo String Quartet nun in der Philharmonie uraufführte. Der Ton b ist Ausgangspunkt einer zerbrechlichen Tondichtung über die Lotusblume, die bereits in anderen Werken des Japaners thematisiert wird. Die Seerose mit ihrem morgendlichen Drang zum Himmel war bereits in der Romantik ein vielschichtiges Symbol. Für den Japaner stellt sie „Entblätterung“ und „Selbstfindung“ dar. Nah am Steg gespielte Passagen und pfeifende Flageoletts geben dem Werk einen fast körperlosen Charakter. Traurig klingt diese Musik und dennoch hoffnungsvoll. Zarte Glissandi ahmen leichte Wellenbewegungen nach. Ein bildreiches, poetisches und geheimnisvolles Werk. Wie in einem Haiku-Gedicht wird darin mit wenigen Mitteln viel ausgesagt.
Das Tokyo String Quartet spielte das alles mit Fingerspitzengefühl und technischer Präzision. Duftig strömte der beseelte Klang durch die Philharmonie. Entzückt von der Interpretation war auch der Komponist selbst, er bedankte sich zugleich bei den vier Musikern.
Eingebettet war die Uraufführung in zwei Repertoire-Klassiker: Haydns op. 76 Nr. 2 und Beethovens drittes „Rasumovsky“-Quartett. Darin bewiesen die Musiker ihr hohes Können. Ihr Ton mag nicht so warm sein wie der des Philharmonie-Besuchern vertrauten Alban Berg Quartetts. Eher kann man das Tokyo String Quartet mit dem amerikanischen Julliard String Quartet vergleichen, vom dem das 1969 begründete Ensemble beeinflusst wurde. Von der Ursprungsbesetzung blieb freilich nur der Bratschist Kazuhide Isomura erhalten.
Die Freude an einer klar strukturierten Sicht war besonders im Beethoven-Werk zu bewundern. Darin saßen wirklich mal alle Akzente. Angeführt vom Primarius Martin Beaver wurde transparent musiziert, atemberaubend schnell im Schluss-Fugato. Mit Puccinis Streichquartett-Satz „Crisantemi“ verabschiedete sich das Quartett vom Publikum, nachdem Cellist Clive Greensmith zuvor minutenlang seine Noten gesucht hatte. Vom Publikum wurde diese unfreiwillige Showeinlage erheitert aufgenommen.
Kölner Philharmonie, 24.2. 2007,
Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia/Antonio Pappano
Ovationen beschlossen diesen mitreißenden Philharmonie-Abend. Das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter seinem Chef Antonio Pappano offerierte zwei spätromantische Meisterwerke: Rachmaninows zweites Klavierkonzert und Mahlers erste Sinfonie. Die schwelgerische Musik kam dem pastosen Sound des traditionsreichen Orchesters in klassischer Sitzordnung entgegen. Warme Streicher, rundes Blech und tonschöne Holzbläser nennen die römischen Musiker ihr Eigen. Dazu kommt die pure Lust an einer hingebungsvollen Interpretation. Und Pappano, der kleine Mann mit seinen wirbelnden Armbewegungen, trägt die Glut des Espressivo-Dirigenten gleich in sich. Als jüngster Operndirektor macht er am Royal Opera House Covent Garden Schlagzeilen. Seine Welt ist die Bühne. Er liebt die große Geste, durchlebt Mahlers Erste wie ein Kosmos der Gefühle.
Nicht immer führte das zu detailliertem Feinschliff. So mangelte es der „wie ein Naturlaut“ raunenden Einleitung an Atmosphäre. Doch die Wucht des durch die Hölle zum Paradies schreitenden Finales oder den tänzerischen Schwung des Scherzos holte er plastisch heraus. Eine schöne Tempodramaturgie gelang ihm auch im langsamen Trauermarsch über den „Bruder Jacob“-Kanon. Im Gegensatz zur kürzlich in der Philharmonie zu erlebenden, exakt-sachlichen Mahler-Darstellung Pierre Boulez’ wirkte dieser Abend allzu effektvoll. Doch bekanntlich war Mahler selbst ein feuriger Operndirigent. Ein wenig italianitá steckt eben auch in seinen Partituren.
Auch zu Rachmaninows russischer Seelenmusik passte diese Haltung. Der norwegische Ausnahme-Pianist Leif Ove Andsnes spielte das Werk unlängst mit Pappano ein. Ob die beiden Künstler zueinander passen, darf nach diesem Abend allerdings bezweifelt werde. Andsnes’ feinsinniges Klavierspiel, sein Sinn für Klangschattierung und sparsame Agogik wurden lauthals übertönt. Auch darf der Interpret nicht völlig in den Orchesterklang eingebunden werden. So erlebte man erst in der Zugabe, Liszts raffiniertes Valse-Impromptu, seine Vorzüge. Das Ende des Konzerts gehörte freilich Pappano und seinem nicht enden wollenden Zugabe-Reigen: „Manon Lescaut“-Intermezzo, „Wilhelm-Tell“-Marsch und „Forza del destino“-Vorspiel brachten die Stimmung zum kochen.
Kölner Philharmonie, 4.2.2007,
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen/Joseph Pons, Julian Rachlin
Mit außergewöhnlichen Programmen rüttelt Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen auf. Das Gastspiel in der Philharmonie eröffnete der spanische Dirigent Joseph Pons mit einer echten Rarität, den Variationes concertantes op. 23 (1953) des Argentiniers Alberto Ginastera. Dieses Werk stellt nicht nur das Thema in der ungewöhnlichen Kombination aus Cello und Harfe vor, sondern lässt in den folgenden Variationen einzelne Instrumente oder Gruppen konzertant hervortreten: das graziöse Spiel der Flöte, ein scherzando der Klarinette, das Wechselspiel von Oboe und Fagott oder die Geige des Konzertmeisters. Alles wird von einem flotten Rondo des gesamten Orchesters gekrönt.
Furios gelang die Interpretation, wobei jedes Solo ein Sonderlob verdient. Die Kammerphilharmonie Bremen gehört eben zu den Top-Kammerorchestern der Welt, das konnte man wieder einmal erleben.
Tangostimmung kam auf, als der litauische Geiger Julian Rachlin anschließend Astor Piazzollas „Die vier Jahreszeiten“ aufführte. Filigran und technisch meisterhaft war nicht nur sein Geigenspiel, sondern auch die Interaktion mit dem Orchester. Die zahlreichen Glissandi und das Kratzen auf den Saiten klangen lustvoll und beängstigend exakt. Zwischen sehnsüchtigen Kantilenen und ansteckendem Feuer fand man stets den richtigen Mittelweg. Nie überwog die Sentimentalität, vielmehr wurde diese raffinierte Musik samt Vivaldi-Zitaten brillant präsentiert. Keine Frage, dieses Arrangement für Violine und Streichorchester von Leonid Desyatnikov und José Bragato geriet zum Höhepunkt des Abends.
Nach der Pause gab es noch die Suite „La Strada“ aus Federicio Fellinis Filmklassiker „La Strada“ (1954). Komponiert hat sie der große Nino Rota, dessen Melodien die Bilder zwischen Zirkusmilieu und Melancholie treffend einfangen. Mit Leidenschaft und Witz entfaltete die Kammerphilharmonie diese Partitur, stets angefeuert vom Dirigenten. Und nach der ersten Zugabe, dem Finale aus Strawinskys „Feuervogel“, war des Jubels kein Ende.
Kölner Philharmonie, 3.2.2007,
London Symphony Orchestra/John Adams
Agil ist der 60-jährige amerikanische Komponist John Adams nach wie vor. Sein präziser, dabei stets eleganter Dirigierstil war nun in der Philharmonie zu erleben. Nur eigene Werke des gefeierten Stars der „zweiten Generation“ der Minimal Music enthielt das ehrgeizige Programm. Mit dem London Symphony Orchestra stand ihm ein fulminanter Klangkörper zur Seite, der diese ruhelos brodelnde Musik spannend entfaltete.
Natürlich finden sich in Adams Orchesterkompositionen nicht nur klassische Instrumente. Keyboards, Gitarre oder Kuhglocken bereichern den Klang. Seine Musik ist mal motorisch und brutal, dann wieder hypnotisch und romantisch. Sie ist mathematisch und setzt dennoch auf innigen Streicher-Sound. Die ostinaten Rhythmen, aus deren Eintönigkeit sich neue Figuren herausschälen, erfordern allerdings ein konzentriertes Zuhören.
Dann wird die abendfüllende „Naive and Sentimental Music“(1998) zu einem echten Erlebnis. Das London Symphony Orchestra inszenierte diese Musik bilderreich. Der meditative Klavier-Flöte-Beginn der Komposition, der wunderbar ausgeglichene langsame Satz samt lupenreinem Gitarren-Solo (John Parricelli) und sonorem Blech: all das geriet nicht nur schön, sondern überzeugend. Auch grelle Töne wie ohrenbetäubende Glocken enthält diese Komposition. Solche Klänge führten dazu, dass vereinzelte Zuhörer voreilig den Saal verließen. Selbst ein Klassiker wie Adams kann eben heute noch schockieren.
Zuvor sorgte der Auftritt der kanadischen Geigerin Leila Josefowicz für Aufsehen. Ihre elektrisch verstärkte Violine muss im ersten Satz des Konzerts „Dharma at Big Sur“ jaulend von Ton zu Ton schleifen. Dabei bleibt die Tonalität im Schwebezustand. Zwischen indischer Folklore, Rockmusik und Klassik ist dieses 2003 zur Eröffnung der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles uraufgeführte Werk angesiedelt. Josefowicz spielte es mit beispielhafter Hingabe. Das Eröffnungsstück des Abends, „Slominsky’s Earbox“ (1996), schloss den Bogen zu Adams Vorbildern. Was er Strawinsky und dem Impressionismus verdankt, war darin nachzuspüren. Langer Jubel für einen Großen der Neuen Musik.
Kölner Philharmonie, 18.1.2007,
Staatskapelle Berlin/Pierre Boulez
Obwohl es bei diesem „Meisterkonzert“ an der Abendkasse nur Restkarten gab, waren die Philharmonie-Reihen stark gelichtet. Der Orkan hatte fast die Hälfte der Abonnenten förmlich von ihren Plätzen gefegt. Der Ausfall des NRW-Schienennetzes und die Gefahr einer Autofahrt betrafen besonders die Besucher aus der Region. Dennoch wurde nach diesem famosen Konzertabend lautstark gejubelt. Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez interpretierte Gustav Mahlers Sechste Sinfonie. Mit der Staatskapelle Berlin, die dort Anfang April 2007 einen vollständigen „Mahler-Zyklus“ absolviert, stand ihm ein würdiger Partner zur Seite.
Im Gegensatz zum draußen tobenden Sturm, musizierte Boulez geradezu nüchtern. Die markigen Marschschritte des Anfangs wies er mit sparsam-exakten Zeichen aus dem Handgelenk in ihre Schranken. Ihm geht es um Struktur, Plastizität und absolute Tempokontrolle. Kein falsches Pathos oder übertriebene Emphase schlich sich in diese „tragische“ Sinfonie ein. Lieber lässt Boulez Holzbläser, Schlagwerk und das hervorragende Blech harsch dreinfahren. Er formt die Partitur zu einem absoluten Kunstwerk, das auch ohne Programm seine Gültigkeit hat. Am Ende des Scherzos zerlegt die Staatskapelle die Ländler-Fragmente wie auf dem Seziertisch.
Verglichen mit Boulez’ Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern ist der Berliner Klangkörper natürlich heterogener. Das Blech ist nicht so rund in den Orchesterklang eingebunden und die Streicher spielen weniger warm. Das kam der transparenten Interpretation eigentlich entgegen. Nur im „Andante moderato“ hätte man sich trotz blitzsauberem Hornsolo manchmal mehr Sentiment gewünscht. „Ausdrucksvoll“ oder „mit bewegter Empfindung“ schreibt Mahler immer wieder vor. Auch die so pittoresk eingesetzten Kuhglocken wirkten – hinter der Bühne gespielt – allzu abstrakt. Eine im Gebirge grasende Herde konnte man sich dazu jedenfalls nur schwer vorstellen. Boulez’ Mahler-Auslegung gipfelte im wiederum klar strukturierten und packenden Finale. Die zwei exorbitanten Hammerschläge schnellten wirklich „wie ein Axthieb“ hernieder. So hat es der Komponist gewollt.
Kölnarena, 1.1.2007,
André Rieu
Mit einem prall gefüllten Neujahrskonzert begeisterte André Rieu, der selbsternannte „König des Walzers“, das Publikum in der Kölnarena. Bereits der festliche Einzug des Orchesters durch die Publikumsreihen wurde glänzend inszeniert - Klatschmarsch mit einbegriffen. Die charmant-trockenen Moderationen des holländischen Geigers tun ihr übriges, um sämtliche Herzen im Sturm zu erobern. Ob er nun mit seinem Zitherspieler in Johann Strauss „G’schichten aus dem Wienerwald“ herumscherzt oder die Kölner als überhaupt beste Zuhörer lobt, immer sind die Lacher auf seiner Seite. Seine drei „Platin-Tenöre“ veredelten bereits die erste Programmhälfte mit italienischem Belcanto-Schmelz, der hier natürlich zur tontechnisch aufgedonnerten Potenzübung wird, so im allbekannten „Funiculi-funicula“.
Weitere Johann-Strauss-Stücke waren etwa die „Tritsch-Tratsch-Polka“ und das ungarisch gewürzte „Eljen A. Magyar“, allesamt eigens für das Orchester arrangiert. Musikalische Feinheiten sind dabei weniger wichtig, doch die Musiker haben Spaß bei der Sache. Das ist ja auch was wert. Mit einem Volkslieder-Potpourri wird sogar das Publikum zu sängerischen Höchstleistungen angespornt. „Mein Hut, der hat drei Ecken“ oder „Hoch, auf dem gelben Wagen“ – die Zuhörer zeigten sich enorm textsicher.
In der zweiten Hälfte offerierte André Rieu dann seine „New York Memories“. Letztes Jahr eroberte er ja die USA und hatte dabei den „Harlem Gospel Chor“ auf seiner Seite. Die fulminanten Sänger brachten auch die Kölnarena mit Evergreens wie „Oh Happy Day“ zum kochen. Da durfte sich der Meister getrost auf die Rolle des Begleiters zurückziehen. Die agilen Sängerinnen und Sänger machten die Show und zeigten sich im „Nonnenchor“ selbst in der Wiener Operette bewandert. Doch Nummern wie „I will follow you“ aus „Sister Act“ standen in der Publikums-Gunst natürlich deutlich höher. Nach dem unabdingbaren „Donau-Walzer“ und einem effektgeladenen „Bolero“ vor projiziertem Sternenhimmel köderte der Stargeiger die Kölner mit ihrer eigenen Musik: Karnevalshits wie „Viva Colonia“ luden zum spontanen Mitschunkeln ein. Alle waren glücklich, als beim turbulenten Finale sämtliche Protagonisten auf der Bühne kamen und Luftballons von der Decke rieselten. Prosit Neujahr!
Kölner Philharmonie, 27.11.2006,
Tschechische Philharmonie/Zdenek Mácal
Großer Auftritt der Tschechischen Philharmonie unter Zdenek Mácal in der ausverkauften Philharmonie. Mit Smetanas „Mein Vaterland“ präsentierten die Gäste aus Prag einen komplett eher selten zu hörenden Zyklus. Er ist opulent und stimmungsvoll, volkstümlich und archaisch. Dem Orchester gelang dieser Blick in die Geschichtsbücher und Natur Böhmens und Mährens mit gefordertem Stilgefühl. Der dunkle und warme Klang der Streicher, das abgerundete Blech und bestens disponierte Holzbläser machten die sechs Tondichtungen zu wahren Hörerlebnissen. In majestätischer Ruhe entfaltete sich die Burg „Vysehrad“, etwas zügig die berühmte „Moldau“. Unerbittlich kämpfte die Amazone „Sárka“ samt fulminantem Klarinettensolo um ihre verlorene Ehre. Der stets agile Mácal, seit 2003 Chef in Prag, dirigierte bereits das erste Trias mit beherzter Souveränität. In pastosen Farben malte er nach der Pause „Aus Böhmens Hain und Flur“. Unerbittlich forderten in der Hussitenstadt „Tábor“ die national-reformatorischen Gotteskämpfer ihr Recht und warteten im Berg „Blaník“ auf ihre rumreiche Wiederkehr. Als Zugabe gab’s Dvoráks flotten „Slawischen Tanz“ op. 72 Nr. 7.
Kölner Philharmonie,
21./22.10.2006, Anne-Sophie Mutter
In goldenem Jugendstilkleid setzte die Geigerin Anne-Sophie Mutter nun ihre Sicht auf Mozarts Violinsonaten fort, die am 12. Oktober in der Philharmonie begann. In zwei „Meisterkonzerten“ erklangen je fünf weitere Werke ihrer unlängst erschienenen Gesamteinspielung. Sie ist Teil des groß angelegten „Mutter Mozart Projekt“, in dem die Starsolistin sich und Mozarts 250. Geburtstag feiert.
Kaum ein Künstler hat ein so professionelles Marketing wie die international hochgeschätzte Mutter. Sie verkauft sich und ihre Platten ungemein gut. Doch zog ihr manieriertes Spiel bereits oft die Kritik der Fachwelt auf sich. Ihrer Fangemeinde ist dies jedoch gleich. Vor beneidenswert ausverkauftem Haus begann sie an der Seite ihres treuen Pianisten Lambert Orkis den ersten Abend mit der kapriziösen F-Dur-Sonate KV 376. Mit weich perlenden Klavierläufen und rührsamem Geigenspiel passte diese Interpretation perfekt zu den verschnörkelten Fotos, die ihre aktuellen Plakate und CD-Cover zieren. Mutter versteht ihren Mozart als ornamentalen Schmuck. Sie verbietet sich förmlich jedem natürlichen Gesang. Hingegen macht sie ihr Instrument zu einer flehenden Stimme. Mal scheint ihr Ton fast zu weinen, mal schleift sie gar ausdrucksvolle Portamenti im Kopfsatz der Sonate KV 454.
Dabei entstanden durchaus stimmungsvolle Momente. Besonders in den langsamen Sätzen (KV 481 und Variationen aus KV 379). Und auch der Dialog mit ihrem Klavierpartner bot mitunter Lichtblicke. Doch insgesamt wirkte dieser aufgeputzte Jugendstil-Mozart zu eintönig. Problematisch wurde er in der e-Moll-Sonate KV 304. Mutter verwischte darin nahezu sämtliche Konturen und machte daraus ein tränenschweres Huschen über die Saiten.
Der zweite Abend brachte – wie zu erwarten – nichts Neues. Das niveauvolle, doch Pedal-gesoftete Klavierspiel von Orkis hielt sich meist dezent im Hintergrund. Davor durfte Mutter ihre Geige positionieren. Flinke Pauschalitäten, bedeutungsvoll gedehnte Töne und reichlich Vibrato zersetzten Werke wie die pointierte Sonate F-Dur KV 377. Auch gab es so manche Nachlässigkeit bei der Lektüre des Notentextes. KV 296, KV 302 und KV 526 waren ebenso davon erfüllt wie die konzertante D-Dur-Sonate KV 306.
Sicher kann man über Geschmack streiten. Doch Mutters zu starke Überspannung nur einer und dabei fragwürdigen Richtung wirkt aufdringlich. Scheinbar gehört aber genau das zu ihrer Verkaufsstrategie. Die „Marke Mutter“ profiliert sich eben durch diesen eigensinnigen Stil, der jenseits von „historisch informierten“ wie klassischen Spielweisen steht. Ihren Zuhörern bedeutet ein verhätschelter Mozart eben mehr als unaffektierte Klarheit. So wurden beide Konzerte bravourös beklatscht.
Kölner Philharmonie, 4.9.2006,
Pittsburgh Symphony Orchestra/Hans Graf
Typisch amerikanisch, dass sich die Musiker des Pittsburgh Symphony Orchestra vor ihrem Konzert auf dem Philharmonie-Podium einspielten. Typisch amerikanisch auch die Geste, dem soeben verstorbenen Oberbürgermeister ihrer Stadt, Bob O’Conner, das erste Stück zu widmen. Den „Don Juan“ von Richard Strauss wirbelten die Musiker unter dem Österreicher Hans Graf in diesem Heinersdorff-„Meisterkonzert“ äußerst flott über die Bühne. Perfekt im Zusammenspiel der Streicher, mit knackigem Blech und zartem Oboensolo im Mittelteil. Alles blieb schlank und gelenkig, ohne zu protzen. Aber auch ohne packenden Atem und ausgekosteter Klangseligkeit. Ein „Strauss pur“ eben, virtuos und gekonnt serviert, doch ohne das gewisse Etwas.
Dabei besitzt das Orchester aus der Schwerindustrie-Stadt am Ohio eine große Tradition. Die im Programmheft abgedruckte Orchesterbiographie verschwieg allerdings, dass einst Fritz Reiner und William Steinberg das Ensemble maßgeblich prägten oder dass Paul Hindemiths für dieses Orchester seine „Pittsburgh Symphony“ schrieb. Die hätte man gerne einmal gehört. Stattdessen gab es Sibelius Violinkonzert mit der amerikanisch-koreanischen Geigerin Sarah Chang und Rachmaninows Zweite Sinfonie.
Ein leises Raunen ging durch den Saal, als Chang im farblich reich abgestuften Kleid auf die Bühne schritt. Den Beginn des berühmten finnischen Geigenkonzerts nahm sie gelassen und dynamisch fein. Vieles an ihrem Spiel ist reif und abgeklärt, so ihr schön fokussierter Ton und die kluge Phrasierung. Es war eine Wiedergabe auf höchstem Niveau, bisweilen etwas klinisch, aber eben doch einmalig. Das Orchester legte sich allerdings mitunter zu stark auf die Rolle des Begleiters fest. Da hätte man sich manchmal mehr Paroli gewünscht, obgleich die technische Leistung des verschlankten Klangkörpers wiederum tadellos ausfiel.
Chang gab keine Zugabe, dafür aber reichlich Autogramme in der Pause. Solche Stars lässt man eben nicht bis nach dem Konzert warten, zumal ja mit Rachmaninows Zweiter noch ein 45-minütiger Brocken folgte. Darin fügten sich die Spielweise des Orchesters und das hyperromantische Werk zur glücklichen Einheit. Jedes Pathos wurde von Hans Graf gebändigt. Es gelang eine Interpretation wie aus einem Guss. Packend und warm, modern amerikanisch und doch russisch weiträumig. Und der langsame Satz besitzt ohnehin Filmmusik-Qualitäten. Als Zugabe folgte eine echte Rarität: Das Tongemälde „Baba-Yaga“ von Anatoli Ljadow.
Kölner Philharmonie, 11.5.2006,
Dresdner Philharmonie/Rafael Frühbeck de Burgos
Geradezu verwirrend sind die Fassungen zu Bruckners Dritter Sinfonie. Mit diesem Richard Wagner unterwürfig gewidmeten Werk machte es sich der Komponist nicht leicht. Jahrzehntelang war er unzufrieden, Bruckner verbesserte, kürzte und ergänzte. Der Dirigent Rafael Frühbeck de Burgos wählte für seinen Philharmonie-Auftritt die beliebte letzte Version von 1889. Sie war damals ein Erfolg und beeindruckt auch heute noch das Publikum. Mit der Dresdner Philharmonie, die Frühbeck de Burgos seit 2004 als Chef leitet, besitzt der Spanier einen zuverlässigen und voll klingenden Klangkörper. Das Blech klang wuchtig und sehr präzise, die Streicher präsent, die Holzbläser gut eingebunden. So kam die urtümliche und raue Sprache des Werks bestens heraus. Frühbeck de Burgos macht kein Geheimnis aus dieser Musik. Er greift sie mit der Hand eines großen Routiniers an und zeigt ihre Schönheiten nicht in der Dunkelkammer, sondern im vollen Sonnenschein. Vielleicht fehlten manchmal die Feinheiten oder auch die Eleganz (Streicherthema im Finale), die in diesem gut einstündigen Werk ebenso stecken. Doch für die runde Leistung muss man diesem Auftritt im letzten Kontrapunkt-Konzert der Reihe „Metropolen der Klassik“ dankbar sein.
Da vor der Terrasse der Philharmonie in der Pause ein unterhaltsamer Jongleur zu bewundern war, kamen einige Besucher zur Bruckner-Sinfonie in der zweiten Konzerthälfte fast zu spät. Denkt man an den Schriftsteller Thomas Mann, sind diese beiden Welten gar nicht so fern. Für Mann war die gesamte spätromantische Musik ja ein Machwerk von Gauklern. Daher musste in der ersten Konzerthälfte der Jubilar Mozart her. Seine „Hafner-Sinfonie“ erklang in einer hemdsärmeligen Interpretation. Wegen der großen Streicherbesetzung war die große Pinselführung gefragt. So spielten die Musiker aus Dresden ungemein deftig und gaben dem „Wienerischen“ dieser Musik kaum eine Chance. Immerhin strahlte das „Andante“ jedoch jene romantische Wärme aus, die Mozart wieder in die Nähe zu Bruckner rückte. Und vermutlich war dies von Frühbeck de Burgos auch beabsichtigt.
Kölner Philharmonie, 3.5.2006,
Alban Berg Quartett
Glücklich, wer an diesem sonnigen Frühlingsabend dem runden und warmen Klang des Alban Berg Quartetts lauschen konnte. Die Philharmonie war nicht gerade üppig besucht für ein Kammerkonzert von solchem Niveau. Mozart und Bártók – zwei Jubilare des Jahres – kamen auch im dritten Konzert der Reihe zu Gehör. Bereits die Themen-Verzahnungen im A-Dur-Quartett KV 464 waren bewundernswert. Wie der tiefsinnige Kontrapunktiker Mozart darin ganz unbeschwert und wienerisch daherkam, veredelte diese Musik noch. Und der Variationensatz wurde zur vielschichtigen Charakterstudie bis hin zum zarten Marschrhythmus.
Die deutliche Linienführung des Primarius Günter Pichler kam bereits hier zum Vorschein. Im F-Dur-Quartett KV 590 eröffnete er dann jedoch einen empfindsamen Dialog mit dem feinen Cellisten Valentin Erben. Beide gehörten 1970 zu den Gründungsmitgliedern der weltberühmten Formation. Im letzten der Mozart-Quartette offenbarte sich nochmals ihre lebenslange Erfahrung mit dem klassischen Streichquartett. Auch die zweite Violine von Gerhard Schulz (seit 1978 im Quartett) sowie die Bratsche von Isabel Charisius (seit 2005) wurden in die gleichberechtigte Melodieführung eingebunden. Die mutig erweiterte Tonsprache Mozarts erklang wiederum sehr musikantisch und natürlich, so in der ineinander geschichteten Perpetuum-mobile-Bewegung des Finales.
Bei Bartók ergießt sich ein Wagnerscher „Beziehungszauber“ über die gesamte Form. In seinem Vierten Quartett (1928) verkettet der Ungar alle fünf Sätze. Sie sind untereinander verwandt und gruppieren sich um das zentrale „Non troppo lento“. Dabei fällt die ausgefeilte Klanglichkeit auf. Der ganz im Pizzicato gezupfte vierte Satz etwa ist ein Unikum innerhalb der Gattung. Für das Alban Berg Quartett ist Bartóks aufgeraute Tonsprache jedoch kein Selbstzweck. Trotz Vitalität und Präzision stand die Musik im Vordergrund. Auch in der Zugabe, dem „Largo assai“ aus Haydns „Reiterquartett“ op. 74 Nr. 3.
Kölner Philharmonie, 9.4.2006,
José Carreras
Einen Ausflug in die süffige „Belle Epoque“ machte der Star-Tenor José Carreras in seinem jüngsten Philharmonie-Programm. Sentimentale Salonstücke paarte er darin mit einigen musikalischen Perlen. Passend zur neuen, gleichnamigen CD war sein Auftritt natürlich ein echter Marketing-Clou. Im Foyer gab es die Platte gleich zum Mitnehmen, der Meister signierte sie nach dem Konzert höchstpersönlich. Jedenfalls, wenn einem die halbe Stunde Wartezeit nicht zu lang erschien.
Auf dem Podium wirkte Carreras eher bescheiden. Das auf ihn gerichtete Spotlight hat er eigentlich nicht nötig. Vor allem nicht bei den eher intimen Stücken der ersten Programmhälfte. Charmante und volkstümliche Lieder von Schreker, Zemlinsky, Grieg und Ravel gab er da zum Besten. Allerdings besitzt er nach seinem 35-jährigen Stimmmarathon durch die Welt kaum die nötige Piano-Finesse für die Schattierungen dieser oft koketten Stückchen, auch Saties reißerisches „Je te veux“ verlangt nach mehr vokaler Anmut. Carreras hohe Mezzoforte-Lage klingt glanzlos und recht stumpf. Nur ab und an zeigte seine ehemals so gepriesene Stimme die nötige Geschmeidigkeit.
Was der Spanier allerdings besitzt, ist intensiver Ausdruck. Daher lagen ihm die schmelzenden italienischen Kanzonen deutlich besser. Franceso Paolo Tostis „O dolce meraviglia“ oder „Penso“ gestaltete er als leidenschaftliche Bekenntnisse. Und nachdem er im zweiten Programmteil Puccini und Leoncavallo ins Spiel brachte, drehte er in Josef Ribas „Rosó“ aus der Oper „Pel teu amor“ so richtig auf. In ihm steckt eben ein tolles Bühnentalent. Sein Sinn für ein effektvolles „con forza“ kam mehr und mehr zum Vorschein. Nun erfüllte er die gesamte Philharmonie mit seiner immer noch eindringlichen Mittellage. Es gab noch weitere Kostbarkeiten an diesem Abend, auch seine Begleiter, der tadellose Pianist Lorenzo Bavaj und das eher gediegen aufspielende Nuovo Quartetto Italiano, durften mal „ohne ihn“ musizieren, so Elgars „Salut d’amour“ oder Puccinis reizvollen Streichquartett-Satz „Crisantemi“.
Anschließend wurde der jubelnden Menge mit Zugaben gedankt, die zweite sang Carreras mit dem Rücken zum Saal - damit auch die Zuhörer-Blöcke hinter der Bühne einmal das Vergnügen hatten. Diesen mehrfach ausgezeichneten Künstler und engagierten Wohltäter muss man einfach sympathisch finden.
Kölner Philharmonie, 19.3.2006,
Mahler Chamber Orchestra/Daniel Harding
Durch Nacht zum Licht wanderte das Mahler Chamber Orchestra in seinem prächtigen Philharmoniekonzert. Darin hellten sich Bartóks dunkles Divertimento aus dem Jahr 1939 und Schostakowitschs Erstes Cellokonzert zu Mendelssohns strahlender „Italienischen Sinfonie“ auf. Eine schlüssige Dramaturgie, denn die Totenklage auf den Lehrer Carl Friedrich Zelter im zweiten Satz der Sinfonie blickte so gleichsam aufs Programm zurück.
Der Brite Daniel Harding, einst gefeiertes Nachwuchstalent, zeigte sich als gereifter Pultstar. Bis zur Besessenheit schärfte er die Akzente in Bartóks Divertimento. Er machte aus dem Stück eine famose Streicherstudie. Die langsamen Passagen wurden ausdrucksvoll gedehnt, Konzertmeister Gregory Ahss setzte kluge Glanzlichter. So intensiv hört man diese Musik nur selten, allenfalls die Pizzikato-Polka am Schluss wirkte allzu steif. Jedenfalls, wenn man sie mit Sir Georg Soltis federnd-tänzerischer Sichtweise vergleicht.
Etwas zu detailverliebt klang die „Italienische“, vom Orchester nach einem Brauch des 18. Jahrhunderts stehend und „historisierend“ präsentiert. Ungewöhnlich auch die Attaca-Übergänge vom ersten zum zweiten sowie dritten zum vierten Satz. Bei allem Respekt vor Hardings genialer Architektur, der spontane Schwung sollte dabei nicht verloren gehen. Dieser Mendelssohn wirkte jedoch auf weite Strecken wie ein zu kopflastiger Brahms. Und das bei einer klanglich und musikalisch lupenreinen Interpretation.
Grandios indes die Darstellung von Schostakowitschs Erstem Cellokonzert. Hier fügte sich der feinsinnige Brite Steven Isserlis perfekt in das von allen Seiten anfeuernde Mahler Chamber Orchestra. Sein Celloklang ist nie aufdringlich, sondern entsteht ganz aus dem Gesang heraus. Isserlis phrasiert edel. Sein abgerundeter Ton lässt der Musik den Vortritt. Fabelhaft gestaltete er den langsamen Satz und die Kadenz, virtuos und schwerelos die Ecksätze. Und das bei einer wirklich makellosen Technik, die sich sogar auf den klasse Solo-Hornisten übertrug! Anschließend verblüffte Isserlis mit einer kleinen Pizzikato-Zugabe. Und schloss so den Kreis zum Bartók-Divertimento.
Kölner Philharmonie, 18.12.2005,
Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks, Ton Koopman
Flink und freudig schallte dieser „Messias“ durch die Philharmonie. Dabei war er schön ausgearbeitet und äußerst virtuos. Der Chorklang schien kaum Grenzen zu kennen. Eine echte Glanzleistung, von Altmeister Ton Koopman hervorragend dirigiert. Schloss man die Augen, so schien der niederländische Spezialist für „historisch informierte Aufführungspraxis“ hier langjährig geschulte Experten anzuführen. Doch weit gefehlt. Auf dem Podium saß ein auf 28 Musiker reduziertes traditionelles Orchester. Natürlich kein ganz normales, sondern Mitglieder vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dass sie in diesem „Deutschlandfunk Extra“-Konzert wie Alte-Musik-Routiniers spielten, stand einmal für die gute Arbeit Koopmans, andererseits für die Flexibilität der Spitzenkräfte aus München. Und auch der auf 34 Sänger verschlankte, von Robert Blank einstudierte BR-Chor machte nur Freunde. Selten hört man Händels Klassiker so inspiriert und sicher dargeboten wie von diesen Profis. Zumal auch noch die englische Originalfassung gewählt wurde.
Es war also der Freude kein Ende bei diesem wahren Sängerfest. Die bauchig geführten Streicher, die sprudelnden Oboen, die trocken akzentuierten Pauken und Trompeten – all dies hatte trefflichen Charakter. Hinzu kam eine prächtige Continuo-Gruppe, die mit vielen Feinheiten aufwartete. Dabei ist der „Messias“ auch ein Fest der Arien. Auch dafür hatte man ein erlesenes Quartett versammelt, jeder besaß eigene Vorzüge. Der dunkel timbrierte Tenor Paul Agnew gestaltete seinen Part äußerst ausdrucksstark und plastisch. Schmelzende Belcanto-Linien darf man von ihm natürlich nicht erwarten, das passte auch kaum in Händels Zeit. Denn diesem Stimmideal genügten damals eher die hohen Stimmen. Sowohl Sibylla Rubens (Sopran) als auch Daniel Taylor (Altus) besaßen dafür das richtige Gespür. Sie sangen empfindsam, dabei schlank und mit wenig Vibrato. Höhepunkte wie die berühmte Sopranarie „I know that my Redeemer liveth“ („Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“) wurden sehr kultiviert gestaltet. Der mächtige Bass von Klaus Mertens gab zunächst den Propheten-Worten die richtige Kraft. Er hatte jedoch auch genügend Beweglichkeit für die „Trompeten-Arie“ im Dritten Teil. So rundete sich alles zu einem perfekten Weihnachtspaket. Großer Beifall für alle Interpreten!
Kölner Philharmonie, 21.11.2005,
Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Beaux Arts Trio
Obgleich sie ihre Blumen ans Publikum und die Konzertmeisterin weiterreichten, war das Beaux Arts Trio der Star dieses „Heinersdorff-Konzerts“. Mit Beethovens „Trippelkonzert“ eroberte man in der Philharmonie die Herzen der Zuhörer. Es war keine aufdringliche, sondern eine sensible und kammermusikalische Interpretation der drei Herren Menahem Pressler (Klavier), Daniel Hope (Violine) und Antonio Meneses (Violoncello). Alle nahmen sich zurück und gewannen.
Dennoch spielt dieses hochkarätige Klaviertrio nie routiniert. Ihnen geht es um Feinheiten, nicht ums Grobe. Seit 50 Jahren ist Pressler der Motor der berühmten Formation. Die Leuchtkraft und Zurückhaltung seines Anschlags ist nach wie vor phänomenal. Der 1998 hinzu gestoßene Cellist und der 2002 aufgenommene Geiger haben sich nun perfekt auf ihn eingestimmt. Sie bilden ein vorzügliches Team, in dem jeder auf die anderen Rücksicht nimmt. Das zeigte sich besonders im einleitenden „Geistertrio“. Darin musizierte man gelöst und doch konzentriert. Der berühmte Mittelsatz machte natürlich wieder den größten Effekt. Doch verlieh das Trio auch den Ecksätzen die nötige Kontur. Jede Phrase wurde behutsam ausgekostet. Mit einer furiosen Wiedergabe des Scherzos aus Schostakowitschs Zweitem Klaviertrio beschlossen sie die erste Konzerthälfte. Dann ging es zum Signiertisch im Philharmonie-Foyer, wo sich etliche Fans die hervorragende neue Schostakowitsch-CD signieren ließen.
Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn hatte bereits im „Trippelkonzert“ keine zweite Rolle gespielt. Unter der schlanken und temperamentvollen Leitung des Armeniers Ruben Gazarian erlebte nun auch Beethovens Siebte eine tadellose Aufführung. Darin klang vieles nach historischer Aufführungspraxis – also eckig und kantig. Der Sturm der Revolution wurde durch Transparenz und Spielkultur gebändigt. Mit seidigen Streichern, ausgezeichneten Holzbläsern und militärisch-wuchtigem Blech waren die Schrecken der Napoleonischen Kriege gleichwohl präsent. Gazarian, der das Kammerorchester 2002 von seinem berühmten Vorgänger Jörg Faerber übernahm, hat die musikalische Gangart spürbar verjüngt. Bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Spitzenformation aus Baden-Württemberger nun entwickelt.
Kölner Philharmonie, 27.10.2005,
Chamber Orchestra of Europe/Mitsuko Uchida
Das Chamber Orchestra of Europe trägt seinen Namen zu Recht. Schließlich spielen die Musiker aus weltweit führenden Orchestern mit einer hellwachen Aufmerksamkeit, die sonst nur bei Kammermusikern zu finden ist. Mit der japanischen Pianistin Mitsuko Uchida stellte man in der Philharmonie nun zwei der bekanntesten Mozart-Klavierkonzerte (KV 488 und 491) Schönbergs „Verklärte Nacht“ gegenüber. Dabei steigerte sich im ersten Teil die Emphase ganz langsam. Aus Mozarts c-Moll-Konzert lasen die Musiker weniger einen Vorgeschmack auf Beethoven, sondern eher den sanft changierenden Klang der Frühromantik heraus. Farbtöne wurden sehr fein entfaltet. Uchida spielte mit weichem Anschlag, dennoch mit genügend Kontur zur Phrasierung. Schubert war dieser Musik ebenso nah wie die Moll-Spähren des Frühklassikers Johann Christian Bach. Vortrefflich taten sich die Holzbläser hervor. Erst ganz am Schluss steigerte Uchida das Geschehen mit rasantem Passagenwerk.
Schönbergs „Verklärte Nacht“ wurde ganz in diesem Sinne musiziert. Konzertmeister Alexander Janiczek entfaltete den Streicherklang in vielfältige Richtungen. Sie reichten von den fast unwirklichen Momenten der gedämpften Instrumente bis zu leidenschaftlichen Ausbrüchen. Dennoch blieb das in „Tristan“-Chromatik getauchte Stück, ursprünglich ein Streichsextett, reine Kammermusik. Als sich Uchida nach der Pause mit ihrem Flügel wieder zwischen die Musiker setzte, waren diese wie verwandelt. Vielleicht lag das auch an Mozarts spätem A-Dur-Konzert. Von der reduzierten Besetzung her ist es noch intimer als das c-Moll-Werk. Und dennoch wird sein oft zitierter apollinischer Charakter im fis-Moll-Mittelsatz harmonisch kühn erweitert. Uchida spielte dies alles mit wunderbarer Umsicht und Finesse, leicht, aber nicht leichgewichtig. Vor allem zeigte ihre Darstellung, wieso E. T. A. Hoffmann den Komponisten Mozart zu den „romantischsten“ zählte.
Kölner Philharmonie, 24.6.2005,
Daniel Barenboim
Die Herzen des Philharmonie-Publikums eroberte sich Daniel Barenboim im Sturm. Höflich verbeugte er sich in alle Richtungen, war spürbar ergriffen von den stehenden Ovationen, mit denen ihn die Zuhörer nach seinem ausverkauften Klavierabend feierten. Und bei der Blumenübergabe zupfte er gar ein Blümchen für die Philharmonie-Hostess aus dem Strauß. Der Applaus galt jedoch nicht nur den vier gespielten Beethoven-Sonaten, sondern auch Barenboims Einsatz als Botschafter zwischen den Kulturen. Seit Jahren engagiert sich der israelische Pianist für eine Verständigung im Nahen Osten. Zurzeit baut er etwa ein palästinensisches Jugendorchester auf. Ein friedliches Leben durch Musik, so könnte sein Motto lauten.
Dabei ist Barenboim ein echter Vollblutmusiker. Neben seinen Wirkungsorten Chicago und Berlin absolviert er jährlich rund um den Globus als Dirigent in Oper und Konzert sowie als Pianist ein riesiges Arbeitspensum. Er ist vielleicht einer der letzten, dem dieser Spagat zwischen Konzertflügel und Dirigentenpult auf höchstem Niveau überhaupt gelingt. Sein Programm, das er beim ersten Gastkonzert des Klavier-Festivals Ruhr in der Philharmonie vorstellte, war gescheit durchdacht. Der frühen c-Moll-Sonate op. 10/1 stellte er im strahlenden Dur die „Waldstein-Sonate“ zur Seite. Und in der zweiten Hälfte folgte der virtuos-klaren Sonate op. 22 die aufgewühlt-zerklüftete „Appassionata“.
Sicherlich besitzt der heutige Barenboim nicht mehr die brillante Technik, die der weltweit gefeierte Pianist bis in die 1980er Jahren hinein besaß. Doch nimmt man manche Unsauberkeit gern in Kauf, wenn ein echter Musiker am Flügel sitzt. Die Tiefe, mit der er heute Beethoven spielt und die Melodien zum Sprechen bringt, heiligt die Mittel. Besonders kantable Themen und langsame Sätze spielt er mit einer atemberaubenden Sensibilität. Da gibt er etwa den Bass-Oktaven im Mittelteil des „Adagio con molto espressione“ aus op. 22 einen pochenden Trauerklang. Und in der „Apassionata“ steigert er das Finale vom pointiert angestimmten Thema in schlüssiger Dramaturgie zur wilden Geste im Schluss-Presto. Kein Zweifel, in diesem Konzert lauschte man endlich mal wieder einem Künstler, der etwas zu sagen hat. Und vielleicht zählt zu Barenboims Ernsthaftigkeit nicht nur, dass er nach den Stücken noch eine Weile für sich am Flügel sitzen blieb, sondern auch, dass er keine Zugabe spielte.
Kölner Philharmonie, 10.6.2005,
Alfred Brendel
Vor einem Jahr gastierte der große österreichische Pianist Alfred Brendel zuletzt in der Philharmonie. Nun bot er den Zuhörern vor ausverkauftem Haus Werke von Mozart, Schumann, Schubert und Haydn. Zwei große romantische Klavierzyklen standen im Zentrum des Abends: Robert Schumanns „Kreisleriana“ und Franz Schuberts „Moments musicaux“ D 780. Letztere Stücke kennen viele sicher noch aus ihren eigenen Klavierstunden. Doch erst ein Alfred Brendel zeigt, wie viel Tiefe und Traurigkeit in diesen gar nicht so harmlosen Miniaturen steckt. Bereits das einleitende Allegretto spielte er ergreifend nachdenklich. Sein Anschlag hat mittlerweile ein Niveau erreicht, das über jeden Zweifel erhaben ist. Brendel besitzt die absolute Kontrolle über jede Phrasierung und Nuance des Notentextes. Die Verzierungen im dritten f-Moll-Stück spielt er mit einer lakonischen Nüchternheit, die geradezu erschreckt. Und aus dem harmonisch äußerst kühnen letzten Allegretto macht er eine Abschiedsmelodie voll wehmütiger Melancholie.
Brendel stellt nie die virtuose Geste in den Vordergrund seiner Interpretationen. Immer behält der Intellekt die Oberhand. Und so wundert es kaum, dass er selbst das einleitende „Äußerst Bewegt“ von Schumanns „Kreisleriana“ gemäßigt angeht. Von dieser Haltung aus erschließt er das Werk eher balladesk. Die jugendlichen Erregungen und harten Kontraste der acht Klavierstücke erscheinen bei Brendel wie unter Milchglas gebettet. Nirgends übertreibt er, alles wirkt wie ein weiser Rückblick. Dabei erreichen die ruhigen Nummern unter den Händen des Mitsiebzigers eine wunderbar dunkle Kontur. „Der Dichter spricht“ könnte man diese Interpretation mit Schumann selbst untertiteln. Und den von E. T. A. Hoffmann angeregten Stücken wie Brendels eigenen dichterischen Ambitionen käme das durchaus entgegen.
Mit Wolfgang Amadeus Mozarts reizvollen „Duport-Variationen“ KV 573 und Joseph Haydns Klaviersonate C-Dur Hob. XVI:48 umrahmte er sein Recital. Spitzfindig nahm er in Haydns „Andante con espressione“ den Charakter der zuvor gehörten Schubert-Stücke auf. Mehr noch, Brendel zeigte, wie verwandt die beiden Österreicher musikalisch doch sind. Den stehenden Ovationen dankte er mit zwei Zugaben, zuletzt dem Bach-Busoni-Choralvorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“. Inniger kann man keinen Klavierabend beschließen.
Kölner Philharmonie, 22.5.2005,
Gewandhausorchester Leipzig/Herbert Blomstedt
Zu Recht schüttelte Herbert Blomstedt dem Solo-Fagottisten des Gewandhausorchesters nach dem Philharmonie-Konzert herzlich die Hand. Schließlich besitzt das Instrument in Peter Tschaikowskys hochberühmter „Pathétique“ eine führende Rolle. Immer wieder dunkelt es den Klang ein, das beginnt in der langsamen Einleitung und endet im expressiven letzten Satz. Dieses „Adagio lamentoso“ ist die Verneinung jedes jubilierenden Finales. Tschaikowsky, der in diese Sinfonie sein ganzes Herzblut legte, entlässt den Hörer in einer depressiven Stimmung. Und der anschließende Applaus wirkt eigentlich absurd. Daher klatscht man viel lieber nach dem schmissigen Marsch an dritter Stelle. So war es jedenfalls Brauch in alten Zeiten. Doch heute wachen zischende Kunstrichter über die Ruhe zwischen den Sätzen, so auch in diesem Kontrapunkt-Konzert der Reihe „Metropolen der Klassik“.
Der Auftritt des Leipziger Traditions-Orchesters wurde dennoch gebührend gefeiert. Ein Jammer, dass Blomstedt im Juli das Orchester verlässt. Denn sein ausgezeichneter Umgang mit dem Orchester ist einmalig. Der schwedische Dirigent versucht nie, äußerlich zu glänzen. Bei ihm kommt alles von innen, also aus dem Orchester. Seine Musiker machen die Musik. Doch er bringt sie in konzentrierten Proben dazu, dass es im Konzert so klingt wie es klingen soll. Auf diese Weise erreicht er etwa einen so sorgfältig ausgeleuchteten Streichersatz wie am Anfang von Jean Sibelius Sechster Sinfonie. Dieses Werk lebt von einer raffinierten Kontrapunktik, die oft an Palestrina erinnert. Blomstedt legte die tiefsinnige Schönheit der Partitur mit großem Können und perfekten Holzbläsern frei. Dabei klingt das Gewandhausorchester immer ein wenig „schwerer“ als etwa die Staatskapelle aus dem benachbarten Dresden. Doch das hatte in diesem finnisch-russischen Programm durchaus Prinzip.
Das Blech war sich allerdings nicht immer einig. Bei Tschaikowsky etwa übertönte es nach weichem Beginn die Streicher allzu sehr. Da ist die Philharmonie wohl gnadenlos. Blomstedt dirigierte seine „Pathétique“ mit großem Verständnis für die zahlreichen Tempowechsel. Das Seitenthema des ersten Satzes spielte er langsam, ohne je schmalzig zu werden. Tanzsatz und Marsch meisterte er mit kontrollierter Emotion, um dann das Finale umso ausdrucksvoller zu musizieren. Ein äußerst kluger dramaturgischer Schachzug.
Kölner Philharmonie, 3.5.2005, Wiener Philharmoniker/Riccardo Muti
An der Philharmonie-Garderobe äußerten sich empörte Stimmen: Das Programm der Wiener Philharmoniker sei eine „Unverschämtheit“. Gerade mal zwei Werke würden für die bis über 100 Euro teuren Karten geboten. Doch nach dem einschließlich Zugabe gut zweistündigen Konzert war man wieder versöhnter. Die Wiener hatten mit höchster Orchesterkultur und schwelgerischem Klang alle Bedenken verstreut. Und als sich Riccardo Muti mit einer leidenschaftlich-sensiblen Ouvertüre aus Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“ verabschiedete, brach ein wahrer Beifallssturm über ihn nieder. Man verstand, dass der feurige Neapolitaner damit seinem Unmut über den Bruch mit der Mailänder Scala Ausdruck verlieh. Eine Schande für diesen begnadeten Operndirigenten, der mit dem Scala-Orchester zuletzt vor 12 Jahren in Köln gastierte. Arbeitslos ist er deswegen nicht. Doch wer kann sich Mutis horrende Gagen heute überhaupt noch leisten?
Das Zweipunkte-Programm der vierten Folge des „Köln-Zyklus der Wiener Philharmoniker“ umfasste Joseph Haydns „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ und Alexander Skrjabins Dritte Sinfonie „Le poème divin“. Letzteres Werk ist ein opulentes Klanggemälde, das ein riesiges Orchester mit vierfachen Holzbläsern, acht Hörnern und fünf Trompeten verlangt. Die Wiener haben glücklicherweise die Kapazität, solch eine Partitur zu besetzen. So kam man in den einmaligen Genuss, dieses 1905 uraufgeführte Werk einmal kennen zu lernen. Häufig wird es nicht gespielt. Der Inhalt der über 40-minütigen Sinfonie ist überaus pathetisch: Dem an die Gottheit gebundenen Menschen stellt Skrjabin einen freien Menschen gegenüber, der Gott pantheistisch in sich trägt. Dieser genießt die sinnlichen Freuden des Lebens und erreicht schließlich die vollkommene Freiheit des Geistes.
Diese russische „Faust-Sinfonie“ verlangt nach einer engagierten Interpretation und die hatte Muti mit den Wienern parat. Mit prächtigem Streicherklang und sensationellen Holzbläsern brachte man die Partitur schier zum Glühen. Besonders hervorzuheben bei den Wienern ist jedoch das sanft in den Orchesterklang eingebettete Blech. Es sticht an keiner Stelle aufdringlich hervor, wie es häufig in der akustisch feinfühligen Philharmonie zu hören ist. Hinzu kam eine Hingabe und Wärme, die mitriss und das Orchester erneut als eines der weltbesten hinstellte.
Zuvor hatte es in reduzierter Besetzung die sorgfältig ausgelotete Haydn-Sinfonie gegeben. Die dynamische Spannbreite war hier – zumal im berühmten zweiten Satz – denkbar weit gewählt. Die elegant und im letzten Satz mit lockerer Virtuosität geführten Streicher sorgten für einen sehr italienischen Einschlag. Und im Menuett ließen es sich die Wiener natürlich nicht nehmen, den Walzerrhythmus der ländlerhaft-volkstümlichen Melodie hervorzukehren - mit einer leichten Vorwegnahme des zweiten Schlages.
Kölner Philharmonie, 4.2.2005,
Orchestre de Paris/Christoph Eschenbach
Dass die französische Revolution Beethovens Werke nachhaltig beeinflusste, ist bekannt. Besonders die Sinfonien sind vom Kampf für die menschliche Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit getränkt. Das weiß natürlich auch das ruhmreiche Orchestre de Paris. Und so ertönte in der Philharmonie unter der Leitung von Christoph Eschenbach, der den Klangkörper seit 2000 leitet, eine sehr kämpferische Fünfte Sinfonie. Hier klopfte nicht das Schicksal an die Tür, wie der Biograph Anton Schindler einst meinte, sondern der Sturm auf die Bastille war in vollem Gange.
Für die Fermaten im einleitenden Motto ließ sich Eschenbach kaum Zeit. Mit unerbittlicher Kraft trieb er die Musik voran. Das intonationssichere Blech war an jeder Ecke knackig und laut. Die Virtuosität der Pariser Musiker beeindruckte. Der runde Streicherklang war durch die hinter dem Orchester aufgestellten Kontrabässe in der Tiefe ungemein wuchtig. Kurzum, diese Interpretation machte richtig Furore, die anschließenden Ovationen zeigten es. Und so geizten die Musiker auch nicht mit einer flotten Zugabe, Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre.
Dagegen fiel Beethovens zu Beginn gespielte Zweite Sinfonie etwas ab. Zwar zeigte sich das Orchester auch hier von der historischen Aufführungspraxis beeinflusst. Die Akzente saßen deutlich und der Ton war insgesamt aufgeraut. Doch der Spannungsbogen wurde nicht nahtlos durchgezogen. Auch fehlte mitunter die nötige Finesse. So hätten Scherzo und Schlusssatz etwa durchaus mehr Haydnschen „Witz“ vertragen.
Wie hoch das Niveau des Orchesters ist, bewies vor der Pause Mendelssohns Violinkonzert, das der französische Geigenstar Renaud Capucon anstelle des ursprünglich angekündigten Dutilleux-Stücks spielte. Die Exaktheit der die Solovioline umgarnenden Holzbläser war famos. Capucons lupenreiner Geigenton blühte vor diesem Hintergrund prächtig auf. Zu Recht zählt er zu den führenden Instrumentalisten seiner Zunft. Sein unprätentiöses und dennoch charmantes Geigenspiel überzeugt vom ersten Takt an. Dabei besitzt er auch die nötigen technischen Reserven, um Eschenbachs recht zügigen Tempi spielend zu folgen. Leider gab er keine Zugabe, ließ sich in der Konzertpause jedoch aus der Nähe beäugen und signierte seine neuen CDs.